Von der Freiheit, selbst zu entscheiden

Tutech Startup Support: Andrea Otto (von links stehend) und Philipp Walter (beyourpilot). Sitzend: Nils Neumann, Sebastian Bartosch, Thomas Sperling, Charles Sinn (beyourpilot). Liegend: Galgohündin Leni. Foto: Tutech / Jochen Kilian

Folge 5: „Mr. Startup“ Nils Neumann leitet die Abteilung Gründerunterstützung bei der Tutech Innovation/Hamburg Innovation

Mit der Gründung der Tutech vor 25 Jahren war klar, dass sich Deutschlands erste universitätsnahe Transfergesellschaft nicht nur mit der Verwertung und Vermarktung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch mit Unternehmensgründungen, neudeutsch Startups, befassen würde. Die Abteilung Gründerunterstützung/Startup Support war somit eine der gesetzten Säulen, auf denen die Tutech und die Hamburg Innovation (HI) heute stehen. Die Anglizismen sind übrigens gewollt, denn Internationalität ist ein wichtiger Bestandteil der Tutech-Arbeit. „Mr. Startup“ unter dem Tutech/HI-Dach ist Nils Neumann. Der 51-jährige Buchholzer leitet den Geschäftsbereich mit derzeit vier Mitarbeitern und ist nicht nur Ansprechpartner für Startups aus dem Dunstkreis der Technischen Universität Hamburg (TUHH), sondern auch der anderen Hamburger Hochschulen, sofern diese keine eigenen Gründerberatungs-Einheiten institutionalisiert haben. Mit der geplanten Gründerplattform „beyourpilot – Startup Port Hamburg“ bauen Neumann und sein Team zurzeit ein von der Wirtschaftsbehörde gefördertes Informations- und Betreuungsinstrument auf.

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In seiner ruhigen und zugewandten Art ist Neumann ein Gesprächspartner, der über viel Erfahrung verfügt und zugleich auf unaufgeregte Weise eine vertrauensvolle Atmosphäre schafft. „Ich kam 1998 zur Tutech und war damals zunächst im Bereich der Messebetreuung aktiv. Irgendwann fiel wohl auf, dass ich gut mit Menschen klarkomme. So kam ich zur Gründerunterstützung“, sagt er. Neumann hat Elektrotechnik an der TUHH und an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) studiert, kommt also aus dem Technologiebereich. Aber: „Da wir als HI fast alle Hamburger Hochschulen beim Thema Gründung betreuen, habe ich auch schon mal mit Klavierlehrern, Dolmetschern, Personal Trainern und Historikern zu tun. Immer gilt: Es muss sich um wissensbasierte Gründer handeln.“ Will heißen: Der Gründung geht in der Regel ein Hochschulstudium voran.

Eine besondere Nähe

Die Tutech ist zwar aus der TUHH hervorgegangen und bis heute eine mehrheitlich der Universität gehörende Tochtergesellschaft, aber das Thema Ausgründungen wird größtenteils noch im TUHH-eigenen Startup Dock bearbeitet, das nicht Teil der Tutech ist. Auch die HAW betreibt ein eigenes Gründerzentrum und arbeitet hier weitgehend autark. Neumann betont jedoch: „Gerade zum Startup Dock haben wir eine besondere Nähe, denn wir sitzen gemeinsam in einem Haus. Es gibt eine enge Zusammenarbeit, und es kommt durchaus vor, dass wir uns gegenseitig Beratungsfälle übertragen, weil es inhaltlich einfach besser passt.“

Zeitgleich betreut das Team um Nils Neumann etwa 20 Gründungen. Betreuen heißt in diesem Fall, dass der Support über die üblichen Erstberatungen hinausgeht. Neumann: „Davon haben wir natürlich wesentlich mehr.“ Manche Gründungen verlaufen schnell, andere brauchen eine lange Startbahn – zum Beispiel das Unternehmen mb + Partner, das unter anderem mit der Entwicklung des fahrwerklosen Fliegens (GroLaS) befasst ist und zu diesem Thema bereits seit 2008 beraten wird (Patentfragen, EU-Fördermittel, Industriekontakte). mb + Partner sitzt wie die Abteilung von Nils Neumann ebenfalls im Innovations- und Gründercampus an der Harburger Schloßstraße – kurze Wege sind also in alle Richtungen garantiert.

Berühmt: Der Fall Skysails

Ein berühmtes Startup, das die Tutech als Unterstützerin auf den Weg gebracht hat, ist die Firma Skysails, die mit spektakulären Zugdrachen die Treibstoffkosten für Frachter senken wollte und regelmäßig für Schlagzeilen sorgte. Zeitweise hatte Skysails an die 100 Mitarbeiter und wurde in großem Rahmen gefördert – das patentierte System setzte sich für Frachtschiffe dennoch bislang nicht durch. Skysails hat sich in seinem Angebot inzwischen verstärkt der Ausstattung von Yachten und der Entwicklung von Anlagen zur Stromerzeugung aus Höhenwind zugewandt.

Neumann: „Die Überlebensquote der intensiv betreuten Startups liegt bei 70 bis 80 Prozent.“ Im Branchenvergleich ein Spitzenwert. Und: „Die Gründer, mit denen wir zu tun haben, scheuen das Risiko nicht. Die sind überzeugt von ihren Ideen und haben auch keine Angst vor einem potenziellen Scheitern. Sie sind überwiegend jung und sehen es nicht unbedingt als Makel an, wenn sie ihre Gründung am Ende aufgeben müssen. Im Gegenteil: Das, was sie in der Phase gelernt haben, können sie an unternehmerischer Erfahrung in die nächste Firma einbringen. Wir haben selten Gründer, die aus der Arbeitslosigkeit kommen, sondern eher junge Uni-Absolventen, die hochmotiviert und sehr gut ausgebildet sind.“

Und noch etwas hat Neumann festgestellt: „Einige Gründer können sich neuerdings durchaus vorstellen, ein Geschäft zu starten und später von einem Großen aus der Branche übernommen zu werden – nach dem Motto: Reich werden, um danach etwas Neues starten zu können. Die höchste Motivation bleibt allerdings mit großem Abstand zu allen anderen Aspekten diese: die Freiheit, selbst zu entscheiden – mit wem ich arbeite, wo ich investiere, wie ich arbeite. Das beflügelt.“

Das Projekt „beyourpilot“

Dass Gründungen für eine Stadt wichtig sind, führte noch zu Zeiten von Olaf Scholz dazu, dass dieses Thema zur Chefsache des Ersten Bürgermeisters der Hansestadt Hamburg und zu einem Punkt im rot-grünen Koalitionsvertrag wurde. Ein Ergebnis ist die geplante Gründerplattform „beyourpilot“. Das Projekt wird über fünf Jahre von der Wirtschaftsbehörde gefördert. Projektträger ist die Hamburg Innovation, die für die Umsetzung und den Betrieb dieses Angebots mittlerweile personell aufrüstet. Die Plattform soll das zentrale Portal für Gründer, insbesondere auch Gründungsinteressierte, werden. Projektleiter Philipp Walter geht davon aus, dass „beyourpilot“ zum Jahresende online geht. Hier entsteht das zentrale Schaufenster der Gründerstadt Hamburg.

Zum Start konzentriert sich das Gründerportal auf vier wissensbasierte Partnerorganisationen: die TUHH, die Uni Hamburg, die HAW Hamburg und das Deutsche Elektronensynchrotron DESY. Neumann: „Schon in der Entwicklungsphase von ‚beyourpilot‘ beziehen wir die anderen Unis und Organisationen in der Metropolregion Hamburg mit ein, um diese nach dem erfolgreichen Start als Partner zu beteiligen. Ziel ist es, Gründern in Hamburg die bestmögliche Betreuung zu bieten.“ Mittlerweile haben bereits Hochschulen aus der Hamburger Nachbarschaft Interesse signalisiert. Neumann bestätigt damit eine positive Entwicklung innerhalb der Universitätsszene. Nachdem jahrzehntelang ein harter Konkurrenzkampf um Bewerber, Professoren und Fördermittel stattgefunden hat und jede Uni für sich kämpfte, gibt es erste kooperative Signale, die auf eine interuniversitäre Kooperationsbereitschaft schließen lassen. Neumann: „Die Gründerunterstützung verstehen die beteiligten Partner immer mehr als Teamwork.“ wb

>> Web: https://tutech.de/gruenderunterstuetzung/

25 Jahre Tutech

Die im Harburger Binnenhafen ansässige Tutech Innovation GmbH wurde vor 25 Jahren, am 7. Oktober 1992, unter dem Namen TUHH-Technologie GmbH als hundertprozentige Tochter der Technischen Universität Hamburg (TUHH) notariell beurkundet. Deutschlands erste privatwirtschaftliche Technologietransfergesellschaft. Seitdem sind nach diesem Vorbild an vielen Hochschulen ähnliche Gesellschaften gegründet worden. Im Jubiläumsjahr wird Tutech im Rahmen einer Artikelserie in Business & People über die Aktivitäten aus 25 Jahren und die Zukunftsper­spektiven berichten.