„Wir erleben eine neo-konservative Zeitenwende“

Analyse und Anekdoten: Bernhard Borgardt (Mitte), Vorstandsvorsitzender des AGV, und Hauptgeschäftsführer Thomas Falk (rechts) mit Dr. Wolfram Weimer.Analyse und Anekdoten: Bernhard Borgardt (Mitte), Vorstandsvorsitzender des AGV, und Hauptgeschäftsführer Thomas Falk (rechts) mit Dr. Wolfram Weimer.

Prominenter Gast: Journalist Dr. Wolfram Weimer referiert beim Arbeitgeberverband Stade Elbe-Weser-Dreieck

Trump, Brexit, Eurokrise – warum wir trotzdem zuversichtlich bleiben dürfen.“ Dieses allgegenwärtige Thema erläuterte Dr. Wolfram Weimer, einer der bekanntesten Journalisten der Republik, auf Einladung des Arbeitgeberverbandes (AGV) Stade Elbe-Weser-Dreieck in Bremervörde. Dass der Verleger und ehemalige „Welt“-Chefredakteur den Beleg für seine These am Ende fast schuldig geblieben wäre, lag nur daran, dass ihm die Zeit ausging. Weimer war für diesen Vortrag extra aus München angereist – sehr zur Freude von Bernhard Borgardt, Vorstandsvorsitzender des AGV.

Wer hat in Deutschland eigentlich die politische Macht? Eigentlich ja der Bundestag. Doch genau der sagt etwas anderes: Eine Umfrage unter den Bundestagsabgeordneten, so Wolfram Weimer, habe ergeben, dass diese die Medien für die „Macht im Lande“ hielten. Die Abgeordneten meinten damit wohl eher den Einfluss, den Fernsehen, Zeitungen und Co. haben, denn diesen hielten Politiker natürlich für wichtig, weil sie ohne eine „gute Presse“ nicht gewählt würden.

Auf sein Titelthema zusteuernd, erinnerte der Münchener Journalist an einen Trend, der sich nicht nur in Deutschland zeige. „Die ,öffentliche Meinung‘ und die tatsächliche Stimmung liegen derzeit auffällig weit auseinander.“ Das habe sich sowohl bei der Wahl Trumps als auch beim Brexit gezeigt. „Niemand hat es für möglich gehalten, dass die Briten gegen die EU stimmen.“ Ebenso
unerwartet sei die Wahl Trumps gewesen.

Weimer weiter: „In den USA haben die weißen Frauen zu 53 Prozent Trump gewählt. Und das nach den ganzen Skandalen um den ‚Verhaltensgestörten‘.“ Einerseits gehe die Schere zwischen gefühlter Wahrnehmung und „wirklicher Entwicklung“ auseinander, andererseits gebe es in der bürgerlichen Mitte offenbar „eine Wut, einen Widerstand, der massiv ist“. Und das nicht nur in Großbritannien, wo die älteren Bürger deutlich öfter gegen die EU gestimmt hätten als die jüngeren, sondern international.

Es habe sich ein Megatrend nach rechts entwickelt, wie es ihn zuletzt Ende der 1960er in genau die andere Richtung gegeben habe. „Wir erleben eine neo-konservative Zeitenwende, ähnlich wie 1968, nur eben politisch genau andersherum.“ In allen europäischen Staaten erlebe die Familie ein großes Comeback und fordere das Bürgertum eine politische Hinwendung zu Sicherheit, Recht und Heimat.

Gleichzeitig habe sich in der Politik die Erkenntnis durchgesetzt, dass „das Bild, das Image, das der Wähler von einem Politiker hat, teilweise wichtiger ist als alle politischen Inhalte“. Das habe in Deutschland einst bei Gerhard Schröder, dem erstem „Medienkanzler“, angefangen, und sich bis heute in allen Reihen und Parteien durchgesetzt.

Bei diesem Thema war der 53-Jährige endgültig in seinem Element. Der gebürtige Gelnhausener feuerte jede Menge Anekdoten aus dem großen Politzirkus ab. So habe ihn eines Morgens im Jahr 2003 ein Telefonanruf Schröders aus der Dusche geholt. Weimer hatte gerade das Politmagazin „Cicero“ gegründet, und der Kanzler wollte sich anbiedern: „Die Entstehung so eines neuen Mediums war dem Kanzler so wichtig, dass er von sich aus Kontakt suchte.“ Im Verlauf des Tages hätte ihn eine ganze Riege Top-Politiker angerufen und um Termine gebeten.

Den Ex-Kanzler, berichtete Weimer, habe überhaupt mehr interessiert, aus welchem Winkel er fotografiert würde, als die Themen, um die es in Gesprächen gehen würde. Großes Gelächter im Saal gab es, als der Wahl-Münchener verriet, dass Schröder immer größten Wert auf kleine Beistelltische gelegt habe. „Damit er, der ja nicht unbedingt ein Riese ist, auf Bildern größer wirken würde.“ Und bei Fotos habe er gern auf einem kleinen Podest gestanden.

Die Politik gleiche immer mehr einem Showgeschäft, in dem sich selbst Kanzlerin Merkel, „die nun wirklich nicht eitel ist“, zu einem Eisberg nach Norwegen fliegen lasse, um zum Thema Klimawandel das passende Fotomotiv für die Medien parat zu haben. Weimer: „Kein Wunder, wenn man sieht, wie Ursula von der Leyen mit einem ,Wetten, dass…?’-Auftritt samt Umarmung mit Holly­woodstar Hugh Jackman für lange Zeit zur zweitbeliebtesten Politikerin im Land wird.“

Der Spagat ist erkennbar: Einerseits nutze die Politik, wie auch Trump oder Macron bei ihren Wahlen, die Macht der Bilder, um sich ein bestimmtes Image aufzubauen. Doch am Ende entschieden die Medien, welches Bild es in die Öffentlichkeit schaffe – auch, wenn immer mehr Politiker Fotos zu den Agenturen lancierten, die aussähen, als seien sie mal eben so fotografiert – entstanden aber seien sie in stundenlangen Foto-Shootings. In der Verantwortung der Medien liege es, die Inszenierung vielleicht ein Stück weit mitzugehen, aber die Grenze zu Manipulation nicht zu überschreiten.

Warum er denn nun die Hoffnung mitnehmen solle, dass er „trotzdem zuversichtlich bleiben könnte“, fragte am Ende ein Zuhörer. „Ja, ich habe mich ein wenig verquatscht“, gab Weimer sympathisch zu und schmiss noch kurz per Beamer ein paar Grafiken an die Wand. „Das hätte ich Ihnen noch zeigen wollen.“ Der Wirtschaft gehe bei aller Meckerei international gut, und 93 Prozent der Menschen weltweit hätten Zugang zu verbesserter Trinkwasserversorgung. 1990 seien es nur 76 Prozent gewesen. Zudem sei die Sterbezahl von Kindern bis fünf Jahren von 1990 bis 2015 von 12,7 auf sechs Millionen ebenso gesunken wie im gleichen Zeitraum die weltweite Anzahl an Kindern im Grundschulalter, die keine Schule besuchen von 100 auf 57 Millionen.

Die Botschaft des Abends könnte demnach lauten: Die Wahrheit ist im Grunde eine andere als die öffentliche Meinung. Es geht uns besser, als wir denken . . .

Zur Person: Wolfram Weimer, geboren 1964, gehört zu den profiliertesten Publizisten und Kommentatoren des Zeitgeschehens. Der Gründer und Herausgeber des Magazins „Cicero“ war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“ sowie des Magazins „Focus“. Einem breiten Publikum ist er durch seine Bücher und Fernsehauftritte bekannt. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem „World Newspaper Award“ und als „Journalist des Jahres“. Seit 2011 ist er Verleger der Weimer Media Group mit Medien wie der „Börse am Sonntag“, dem „Wirtschaftskurier“ oder „The European“.

Von Stefan Algermissen