Zur zweiten Auflage ihres Formats „On Tour“ kam die Handelskammer nach Harburg. Im Speicher am Kaufhauskanal diskutierten Wirtschaft, Wissenschaft und Stadtgesellschaft über Assets, Defizite und das große Potenzial des Standorts. Mit dabei: Autor Heinz Strunk.
Harburg ist kein Ort für leise Töne. Schon zu Beginn des Events wird deutlich, dass hier mehr verhandelt wird als nur Standortfragen. Es geht um Selbstverständnis, um Zukunft – und um die Frage, wie aus Potenzial konkrete Entwicklung wird. Die Handelskammer bringt dafür Wirtschaft, Wissenschaft und Stadt in ihrem Format „Handelskammer on Tour“ zusammen. Nachdem im vergangenen Jahr Altona im Fokus stand, wurde nun der Sprung über die Elbe gewagt.
Dabei zeichnete sich früh ein klares Bild ab: Harburg steht in den Augen der Anwesenden für Bewegung. „Hier ist die Zukunft der Stadt am besten spürbar“, stellte Handelskammer-Präses Norbert Aust gleich zu Beginn fest. Doch so klar die Chancen formuliert wurden, so deutlich fielen auch die Mahnungen aus, wenngleich auf ganz Hamburg bezogen. Handelskammer-Geschäftsführer Dr. Malte Heyne machte klar: „Der internationale Wettbewerb ist härter geworden, die Innovationsgeschwindigkeit entscheidet. Doch genau hier liegen auch die Chancen von Harburg, denn der Standort hat auch dank der Nähe zur TU gute Voraussetzungen.“
Ziemlich direkt wurde wenig später Rüdiger Grube im Gespräch mit der aus dem NDR bekannten Moderatorin Harriet von Waldenfels. Der Ex-Bahnchef aus Moorburg sieht für Harburg enormes Potenzial – aber auch klare Defizite: „Die Innenstadt ist so schlecht, dass wir eine ganz große Welle an Leerständen haben“, sagte er an den ebenfalls anwesenden Bezirksamtsleiter Christian Carstensen gerichtet. Der Angesprochene kontert Grube kurz danach mit einem klaren Liebes-Bekenntnis an die Harburger City. „Ich bin ein großer Fan der Innenstadt, wenngleich ich natürlich auch die Probleme sehe.“ Zugleich verwies er auf neue, hoffnungsvolle Projekte wie die bevorstehende Eröffnung des Kulturpalasts im ehemaligen Rieckhof-Gebäude.
Netzwerke, die tragen
Dass Harburg gut funktioniert, liegt für viele an seiner besonderen Struktur. Franziska Wedemann, Vorsitzende des Wirtschaftsvereins, beschrieb auf der Bühne ein enges Zusammenspiel aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Projekte entstünden hier oft aus direkten Kontakten: „Und wenn so ein Kontakt erst einmal besteht, dann ist das ein großes gemeinschaftliches Anpacken.“ Diese Zusammenarbeit habe Tradition. Der Wirtschaftsverein verstehe sich als Plattform, die seit Jahren strategische Projekte vorantreibt, wie etwa die Harburg-Vision. Ziel sei es, große Themen wie Mobilität oder Strukturwandel in konkrete Maßnahmen zu übersetzen.
Innovation als Motor
Wie viel Dynamik bereits im System steckt, zeigt der Blick auf Wissenschaft und Industrie. Arnold Mergell beschrieb auf der Bühne den Wandel seines traditionsreichen Familienunternehmens Hobum Oleochemicals als ständigen Prozess: „Nach einigen Irrwegen haben wir erkannt: Es geht für uns als Mittelständler um Spezialisierung – und nicht darum, dass man das, was andere auch können, am billigsten macht.“ Beim Finden eben dieser Nische hilft auch – wie schon von Malte Heyne betont – die Nähe zur TU Hamburg. TU-Vizepräsidentin Irina Smirnova betonte den Anspruch, Technologien für reale Probleme zu entwickeln: „Wir müssen beispielsweise die zirkuläre Wirtschaft hier bei uns mit voranbringen. Ich glaube dass das für Deutschland eine echte Chance ist.“
Dass Harburg mehr ist als ein reiner Wirtschaftsstandort, machte anschließend Schauspieler Sebastian Ströbel („Die Bergretter“) deutlich. Der geborene Karlsruher lebt seit mittlerweile 20 Jahren in Harburg und hat hier mit seiner Partnerin seine Familie mit mittlerweile vier Töchtern gegründet. Er beschreibt den Bezirk als sozialen Raum mit besonderer Energie: „Wir sind hier anders als vielleicht in Blankenese oder Eppendorf alle dazu gezwungen, aus unserer Bubble rauszugehen.“ Gerade darin liege eine Stärke – im ehrlichen Miteinander und in der Vielfalt.
Den Schlussakkord vor dem gemütlichen Ausklang des Abends setzte dann Autor Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“). Er berichtete im Gespräch mit Harriet von Waldenfels von seinem Aufwachsen im „Süden“. Eine bisweilen sentimentale Betrachtung des Stadtteils vor 40, 50 Jahren und weniger die – von manchem erwartete – Aneinanderreihung ironischer Anekdoten. Und Strunk, der schon seit einiger Zeit nicht mehr im Süden wohnt, gestand: „Ich unternehme jedes Jahr mehrere Nostalgie-Ausflüge. Die führen mich dann immer an die Stätten meiner Kindheit und Jugend.“ Es ist eine – darf man seinen Büchern glauben – nicht immer ganz konfliktfreie Liebe gewesen. Und doch zeigt seine permanente Rückkehr: Wer das oft geschmähte Harburg einmal intensiv erleben durfte, den lässt es so schnell nicht mehr los.
Und ganz am am Ende bleibt Harburg ein Ort zwischen Aufbruch und Baustelle, wie „Handelskammer on Tour“ zeigte. Viele Projekte sind angestoßen, viele Fragen offen. Doch der Tenor des Events ist eindeutig: Die Voraussetzungen sind da – jetzt geht es um Tempo, Umsetzung und Mut.
