„Ich bin dann mal weg“

Abgefahren: Sina Schlosser (34, links) und ihre Freundin Julia Böttcher (36) auf Bootstour in Ninh Bình, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Norden Vietnams. Die Stadt zählt zur sogenannten trockenen Halong-Bucht und liegt knapp 100 Kilometer südlich von Hanoi. Foto: Sina Schlosser

Paddeln auf dem Mekong: Eigentlich verkauft Sina Schlosser Versicherungen, aber einmal im Jahr sucht sie als Rucksacktouristin das Abenteuer
Von Wolfgang Becker

Als Backpackerin in Australien, auf Kuba oder in Indonesien – wenn das Abenteuer ruft, ist Sina Schlosser ganz weit vorn dabei. Im März dieses Jahres hat die B&P-Kolumnistin und Versicherungsexpertin, Prokuristin und Gesellschafterin der Speditions-Assekuranz in Hollenstedt, eine weitere Nadel auf dem persönlichen Nervenkitzel-Globus gesetzt: Vietnam mit Rucksack und Freundin Julia Böttcher. Binnen drei Wochen etwa 2000 Kilometer entlang der Küste mit Bus, Motorboot, Motorroller, Rikscha, Fahrrad, Privattaxi und Paddelboot. Hauptsache gut versichert, aber diese Frage stellt sich Sina Schlosser nicht: „Einmal im Jahr brauche ich eine Zeit, in der ich total abschalte und morgens beim Aufwachen nicht weiß, wo ich am Abend landen werde. Das ist für mich totale Entspannung und der Ausgleich zu meinem Alltag, in dem ich geschäftlich und privat extrem durchgetaktet bin. Wenn ich als Backpackerin unterwegs bin, bin ich einfach mal weg.“

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Ihre Offline-Trips („Das Handy bleibt aus.“) plant die Buxtehuderin minimalistisch: „Ich suche mir einen günstigen Flug, habe etwa zwölf Kilo Gepäck mit dem Nötigsten dabei und für die erste Nacht am Zielort ein Hotel gebucht. Alles Weitere findet sich vor Ort.“ So machte sie es auch vor einigen Jahren, als sie ähnlich ausgestattet und mit 1000 Dollar Bargeld nach Australien aufbrach, um dort ein Jahr lang durchs Land zu reisen: „Die 1000 Dollar waren nach zwei Wochen alle, denn ich hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass es dort auch kalt sein könnte. Also musste ich mir erstmal warme Kleidung kaufen. Als die Reisekasse leer war, habe ich in der Jugendherberge mittags Küchendienst gemacht und abends die Klos geputzt. Dafür konnte ich kostenlos wohnen.“

Zurück nach Vietnam. Sorgen, dass eine Europäerin in Bedrängnis oder gar Gefahr geraten könnte, plagen Sina Schlosser nicht. „Ich würde allerdings nicht in jedes Land so reisen. Aber ich muss sagen: Ich habe auf all den Touren noch keine einzige Situation erlebt, die man als gefährlich bezeichnen könnte.“ Dazu zählen auch die Inlandsflüge mit der vietnamesischen Billig-Airline Viet Jetstar und der zweitägige Trip mit einem besonders günstigen Boot auf eine Insel in der berühmten Halong Bay: „Die Bucht mussten wir uns unbedingt ansehen. Aber ich war schockiert. Zum einen fiel das Boot fast auseinander, zum anderen war ich entsetzt über das, was wir vorfanden: Das Wasser schillerte in allen Farben vom allgegenwärtigen Ölfilm, den Hunderte von Schiffen Tag für Tag dort ablassen, und es war voller Müll.“

Der Schock von Halong Bay

Die Zielinsel Cat Ba erwies sich als abgelegener Ort, nur zwei Mal täglich fuhr eine Fähre zurück zum Festland. Also heuerten Sina Schlosser und ihre Freundin kurzerhand einen Einheimischen mit Boot an, verhandelten einen nach europäischen Maßstäben gemessenen Spitzenpreis und bekamen eine exklusive VIP-Tour durch die Halong Bay. Was die 34-Jährige besonders beeindruckt: „Das Leben in so einem Land ist für unsere Verhältnisse völlig unkompliziert. Wer ein Auto besitzt, ist automatisch Taxifahrer. Man fragt einfach jemanden und bekommt die nächste Tour. So haben wir uns durch Vietnam gearbeitet. Ich hatte ja schon vorher das Gefühl, dass dies eine Fünf-Sterne-Reise werden würde, aber meine Erwartungen wurden um ein Vielfaches übertroffen.“ Wobei sich die fünf Sterne nicht auf Luxus, sondern auf den Abenteueranteil beziehen.

„Emergency! Emergency!“

Im Mekong-Delta erwartete das Duo eine andere Form von Abenteuer: „Als wir in unserem Zimmer saßen, sah ich plötzlich eine Handteller große pelzige schwarze Spinne in der Ecke. Der SuperGAU, denn bei Spinnen bin ich raus. Julia hatte sich unter dem Moskitonetz verbarrikadiert und war erstarrt. Ich dachte mir, rausschmeißen geht nicht, die kommt ja gleich wieder rein. In Panik wollte ich gerade zum Angriff übergehen, als ich hinter mir Julia hörte, die ‚Emergency! Emergency!‘ ins Handy rief. Sie hatte das Hotel gegoogelt, war tatsächlich per Telefon in der Rezeption gelandet und meldete einen Unfall. Keine Minute später stürzte eine kleine Vietnamesin ins Zimmer, um Hilfe zu leisten. Wir beichteten, dass es sich um eine Spinne handelte. Da lächelte sie, nahm das Tier in die Hand und trug es mit den Worten ‚not dangerous‘ hinaus.“ Zur Entspannung paddelten die beiden Frauen auf dem Mekong.

Das sind die Anekdoten, die Sina Schlosser liebt. Pelzige Begegnungen mit Krabbeltieren sind zwar nicht ihr Favorit, wohl aber Restaurant- oder besser Bistrobesuche in abgelegenen Straßen: „Da, wo die Einheimischen essen. Das ist viel günstiger und besser. Wo ich keinen Europäer mehr sehen, da gehe ich hin.“ Angst vor Überfällen, Magenverstimmungen oder gar Belästigungen durch Männer? „Nein, da bin ich völlig schmerzbefreit“, sagt sie. Stattdessen berichtet sie begeistert von der Schönheit der Landschaft, der asiatischen Kultur und der Tatsache, dass sich für zehn Dollar nicht nur ein Einzelzimmer, sondern auch ein Taxi-Transfer in die nächste Stadt organisieren lässt. Ihr nächstes Ziel: „Ich denke über Myanmar nach . . .“