Meister gleichwertig mit Master

Gemeinsam für das Handwerk (von links): Hjalmar Stemman, Präsident der Handwerkskammer Hamburg, Rainer Kalbe, stellvertretender Bezirkshandwerksmeister, Bezirks­amtleiterin Sophie Fredenhagen, ZDK-Präsident Hans Peter Wollseifer, Dierk Eisenschmidt, stellvertretender Bezirkshandwerksmeister und Harburgs Bezirkshandwerksmeister Peter Henning. Foto: Martina Berliner

Beim Grünkohlessen des Harburger Handwerks wirbt Hans Peter Wollseifer, Präsident des ZDH, für mehr Wertschätzung

Das Harburger Handwerk beschließt das Jahr traditionell in geselligem Rahmen mit den Partnern aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Bei einem Grünkohlessen. 140 Gäste sind dieses Mal der Einladung von Bezirkshandwerksmeister Peter Henning und seinen Vertretern Dierk Eisenschmidt und Rainer Kalbe gefolgt. Das sind mehr denn je. Denn dieses Mal ist Hans Peter Wollseifer prominentester Ehrengast. Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks ist eigens aus Köln eingeflogen und hat vor seinem Eintreffen in den Räumen des HTB auf der Jahnhöhe noch den Elbcampus besucht. „Der ist wirklich sehenswert, ich bin beeindruckt“, lobt er das Bildungs- und Kompetenzzentrum der Hamburger Handwerkskammer.

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Die Festreden vor Beginn des Mahls munden den Mittelständlern wie eine delikate Vorspeise. Harburgs Bezirksamtsleiterin Sophie Fredenhagen betont die Bedeutung des Handwerks als Wirtschaftsmacht. Hjalmar Stemmann, Präsident der Handwerkskammer Hamburg, unterstreicht die Ausbildungsmacht des Handwerks. 2019 sei hamburgweit ein Plus von 7,6 Prozent zu verzeichnen. „Und Harburg hat erheblich dazu beigetragen.“ In Harburg gibt es derzeit 1280 Handwerksbetriebe, knapp die Hälfte bildet aus. Hans Peter Wollseifer spricht länger als eine Stunde. Schlägt den Bogen von der von ihm persönlich als besorgniserregend empfundenen aktuellen Situation – Wahlerfolg der AfD in Thüringen, Brexit, globale Handelskonflikte, weltweit erstarkender Nationalismus, Hass im Internet, geistige Verrohung – hin zur großen Bedeutung des Handwerks. Als Spiegel der Gesellschaft. Als Gruppe mit starker Verantwortung. Als Arbeitgeber. Und als Ausbilder – letztlich auch für die Industrie und wichtige Institutionen wie Feuerwehr, Polizei und Bahn. Kurz: Als nahezu omnipräsenter Perspektiven-Schaffer und Motor sozialen Zusammenhalts.

Bundesweit gibt es eine Million Handwerksbetriebe mit insgesamt 5,5 Millionen Mitarbeitern. Deren Familien mit berücksichtigt, „hat mindestens jeder zehnte Deutsche etwas mit dem Handwerk zu tun!“ In Berlin sei man sich dessen wohl bewusst. Die Handwerkskammer gehöre unter sehr vielen Interessenvertretungen zu den vier Spitzenverbänden und finde dementsprechend bei den Politikern durchaus Gehör, sagt Wollseifer. So verbucht er die Wiedereinführung der Meisterpflicht in sechs Handwerksberufen als Etappensieg zähen Kampfes, der aber weitergeführt werden müsse. „Es braucht Meister, gerade für den Schutz der Kulturgüter. Wer soll denn den Hamburger Michel oder Kölner Dom instandhalten?“ Nur in Meisterbetrieben werde ausgebildet, nur Firmen mit Meister würden die Ansprüche der digitalen Zukunft erfüllen können. Der Meisterbrief sei eine „Lebensversicherung gegen Arbeitslosigkeit“ und „ein starkes Sig­nal für Qualität“.

Die Steigerung der Wertschätzung von Handwerksberufen ist Wollseifer, der eigentlich Architektur studieren wollte, sich nach dem plötzlichen Tod des Vaters aber entschied, den elterlichen Maler-Betrieb weiterzuführen, immens wichtig. Nur wenn duale Ausbildung und akademisches Studium als gleichwertig betrachtet würden, Meister gleichauf mit Master rangiere, ließe sich das gravierendste Problem des Handwerks lösen – der Nachwuchs- und Fachkräftemangel.

Freie Jobs im Handwerk

„Die Hälfte der Betriebe hat Probleme bei der Neu- und Nachbesetzung.“ Offiziell gäbe es derzeit 160 000 freie Stellen im Handwerk. Tatsächlich läge die Zahl vermutlich weit höher, weil viele Firmenchefs sie aus lauter Frust gar nicht mehr meldeten. „Wir gehen von einer halben Million unbesetzter Arbeitsplätze im Handwerk aus.“ Das bekämen auch die Kunden zu spüren. „Es ist ja mittlerweile leichter, einen Termin beim Facharzt zu bekommen als beim Klempner.“

Um an der Misere etwas zu ändern, müsse nicht nur das Ansehen des Handwerks gefördert werden, sondern auch die finanzielle Entlastung. Warum dürfe der Student über die Eltern krankenversichert sein, der Azubi aber nicht? Warum herrsche Ungleichbehandlung bezüglich der Unfallversicherung? Es gelte, das zu ändern und damit „wichtige Signale zur gelebten Gleichwertigkeit“ zu setzen. Immerhin habe man schon einiges erreicht: Das Azubi-Ticket und digitale Ausbildungsstätten gefördert, Berufsabitur in neun Bundesländern eingeführt, die Meister-Gründungsprämie. „Aber mir brennen noch viele Herausforderungen auf der Seele.“ Ein großes Problem sieht Wollseifer in der Bürokratie. „Um den Bürokratieabbau ist es schlecht bestellt. Das Entlastungsgesetz 3 ist enttäuschend. Betriebe müssen endlich das tun können, wofür sie antreten – Aufträge abarbeiten und Zeit für den Kunden haben!“ Um den „mühevoll aufgebauten Wohlstand zu erhalten,“ brauche es zudem „analoge und digitale Infrastrukturen auch im ländlichen Bereich und erträgliche Belastungen für die Leistungsträger.“ Kopfnicken und Applaus.

Sichtliches Erstaunen im Publikum dagegen angesichts Wollseifers Position zum Klimapaket. „Das ist eine enorme Chance für die Branche. Wir sind Umsetzer der Energiewende. Handwerker bauen Technik und Innovationen ein. Ob E-Mobilität oder Smart Home. Die steuerliche Förderung energetischer Gebäudesanierung ist beschlossen, soll im März kommen. Das bringt uns kontinuierlich Aufträge!“

Die Wachstumsprognose fürs Handwerk liegt laut Wollseifer für das kommende Jahr bei vier Prozent. Einbußen verzeichneten derzeit einzig die Feinwerkmechanik-Branche, sofern von Industriezulieferern abhängig, der Industriebau, weil derzeit nicht mehr in Hallen investiert wird, sowie Kfz-Werkstätten und darunter auch nur die Markenwerkstätten. „Ansonsten sind die Umsätze im Handwerk durch die Bank gut“, schloss Wollseifer seinen Vortrag. Der Grünkohl schmeckte danach umso besser. mab

Web: https://www.hwk-hamburg.de/, https://www.hanspeterwollseifer.de/