„Ich gehe von der Brücke, bleibe aber noch an Bord“

Foto: Wolfgang BeckerDer „Staffelstab“ ist in diesem Fall das Eis aus dem Eisbär-Sortiment: Helmut Klehn gibt die Geschäftsführung des Unternehmens zum Jahreswechsel an seine Tochter, Isabel Schuldt, ab.

Cooler Generationswechsel à la Eisbär: Helmut Klehn übergibt seine Verantwortung für Eisbär Eis in Apensen an seine Tochter Isabel Schuldt.

Helmut Klehn ist gleich in mehrfacher Hinsicht zu beneiden: Zum Jahresende reicht der langjährige Geschäftsführer der Eisbär Eis GmbH in Apensen die Verantwortung samt Schreibtisch und Parkplatz an seine Tochter Isabel Schuldt weiter – und darf auch künftig das machen, was ihm bis heute am meisten Freude macht: neue Produktideen entwickeln. Ach ja: Und er hat künftig endlich genug Zeit, sein Handicap zu verbessern . . .

Was hier so ein wenig nach „lockerem Generationswechsel“ klingt, ist in Wahrheit ein Problem für viele Unternehmer, die mit Leib und Seele aufgebaut haben, nun aber nicht wissen, wem sie die Verantwortung guten Gewissens übertragen sollen. In der Familie Klehn hat die geordnete Übergabe des Staffelstabs jedoch schon Tradition. Helmut Klehn: „Als mein Vater, Wilhelm Klehn, 65 Jahre alt wurde, übertrug er die Geschäftsführung auf mich. Mit 37 Jahren übernahm ich damals 50 Prozent der Anteile und die Verantwortung für unser Unternehmen.“


Fortan stand Helmut Klehn Seite an Seite mit seinem Onkel Helmut Klehn auf der Brücke des „Eisbrechers“ aus Apensen. Der Junge und der Erfahrene waren ein gutes Team. Dann der nächste Wechsel im zweiten Familienzweig: Der Kaufmann Martin Ruehs, Ehemann von Helmut Klehns Cousine Britta Klehn-Ruehs, trat die Nachfolge seines Schwiegervaters an. Seitdem sitzt das GF-Team Klehn/Ruehs gemeinsam in einem Büro und führt das Unternehmen von Erfolg zu Erfolg.

Zwei Fotos, ein Gedanke

Helmut Klehn: „Ich bin seit 47 Jahren dabei – und nun 65 Jahre alt. Noch jung genug, um ein wenig weiterzumachen, zu reisen und dabei neue Ideen einzusammeln. Ich gehe von der Brücke, bleibe aber noch an Bord.“ Vom scheidenden Geschäftsführer gibt es ein historisches Foto, das ihn als etwa Fünfjährigen in der Verkaufstruhe für Eisbär Eis zeigt. Dasselbe Motiv wurde Jahre später von seiner Tochter Isabel Klehn aufgenommen. Jetzt bereitet sie sich auf das neue GF-Team Schuldt/Ruehs vor – die Nachfolgerin kommt auf die Brücke, der Erfahrene wartet bereits.

Es gibt nur wenige Beispiele in der mittelständischen Wirtschaft, die für einen derart perfekt getakteten Generationswechsel stehen. Helmut Klehn weiß das und ist dankbar, dass nun mit seiner Tochter eine ebenfalls schon erfahrene Mitarbeiterin übernimmt. Isabel Schuldt (40) ist seit 13 Jahren im Familienunternehmen tätig. Sie durchlief mehrere Abteilungen und leitet derzeit das Personalwesen, ist also verantwortlich für die 250 Mitarbeiter am Standort Apensen. Sie kennt sich mit dem Personal ebenso aus wie mit der Produktion: „Klar, wenn ich nicht weiß, wie es in der Produktion zugeht, kann ich auch keine Personalentscheidungen für diesen Bereich treffen.“ Deshalb bezeichnet sie sich selbst als „produktionslastig“. Was auch für Helmut Klehn gilt. Ihr Ehemann, Alexander Schuldt, ist ebenfalls im Unternehmen beschäftigt – als Ökotrophologe. Kurz: Trotz eines Jahresumsatzes von rund 130 Millionen Euro ist das Unternehmen Eisbär Eis familiengeführt im besten Sinne.

Ja zur Handelsmarke

Als Helmut Klehn damals ins Unternehmen kam, hatte der Familienbetrieb in Neukloster gerademal an die 30 Mitarbeiter. Er erinnert sich: „Die erste Umsatz-Million haben wir 1962 gemacht. Wir belieferten Gaststätten – überall wehten die Eisbär-Fahnen. Außerdem bauten wir den Elbe-Heimdienst auf – einen Hausbelieferungsservice. In den 80er-Jahren hatten wir 18 Auslieferungsfahrzeuge für die privaten Haushalte und sechs Fahrzeuge nur für die Gaststätten. Dann bauten wir die Belieferung des Lebensmitteleinzelhandels auf und siedelten das Unternehmen nach Apensen um.“ 1987 wurde Helmut Klehn Geschäftsführer, drei Jahre später kamen die Wende und der Gang in den Osten, nach Ribnitz-Damgarten. 1992 stieg Martin Ruehs in die Geschäftsführung ein – Kaufmann und Praktiker, ein ideales Team.

In den 90er-Jahren wurde der Heimdienst verkauft. Helmut Klehn: „Es war bei unserer mittelständischen Größe nicht mehr möglich, eine eigene Marke zu führen. Es gibt zwar bis heute Eisbär Eis, aber das macht nur noch zehn Prozent unserer Produktion aus. Alles andere geht in die Handelsmarken.“ Die Entscheidung sei damals nicht leicht gefallen, aber sie sei vernünftig gewesen. Und für den Erfolg des Unternehmens wegweisend. Die großen Marken werden heute von Weltkonzernen à la Unilever und Nestlé geführt. Dagegen hat der Mittelstand kaum eine Chance.

Helmut Klehn: „Wir haben immer konservativ gewirtschaftet. Alle Gewinne haben wir ins Unternehmen gesteckt und investiert. Wir haben keine Yacht und fahren keine Luxusautos, aber wir haben hier zwei tolle Familien. Das ist so viel mehr wert.“ wb