75 Jahre Radiojodtherapie: Eine elegante Methode

Ganzkörper­szintigrammeModerne SPECT -Technik mit Gamma-Kamera für Ganzkörper­szintigramme in der Klinik Dr. Hancken.

Hochwirksame Behandlung bei bestimmten Schilddrüsenerkrankungen, die ohne Nebenwirkungen in vielen Fällen Heilung bringt – in Stade wird dieses Verfahren seit mehr als 60 Jahren in der Klinik Dr. Hancken angewendet.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt wurde in den frühen 70er-Jahren, der ehemalige US-Präsident Herbert Walker Bush und seine Frau Barbara sowie ihr Hund Millie wurden in den 90er-Jahren mit einer Radiojodtherapie behandelt. Sie litten – so berichtete der Nuklearmediziner Professor Dr. L. A. Hotze in seiner Chronik der Radiojodtherapie – unter Immunhyperthyreose des Typs Basedow. Bei dieser Erkrankung wird die Hormonproduktion der Schilddrüse durch körpereigene Antikörper angeregt, was oft auch zu einer Vergrößerung führt. Manche Betroffene klagen über Herzrasen, Ruhelosigkeit oder Heißhunger- und Panikattacken, aber auch Heiserkeit, Schluckbeschwerden. Ein sichtbarer Kropf kann ein Anzeichen für diese Erkrankung der Schilddrüse sein. Wie bei den prominenten Patienten Schmidt und dem Ehepaar Bush ist häufig eine Behandlung mit dem Radio-Jod-Isotop I-131 die Methode der Wahl.

Warum das Isotop I-130 von I-131 abgelöst wurde

Diese Therapie hat eine lange Geschichte mit beeindruckenden Erfolgen. Sie wurde vor 75 Jahren zum ersten Mal bei Menschen angewendet. Am 31. März 1941 therapierte der Mediziner und Endokrinologe Saul Hertz vom Massachusetts General Hospital in Boston zusammen mit den Kernphysikern Arthur Roberts und Robley Evans vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) die ersten Patienten mit Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) vor allem mit dem Isotop I-130, das eine Halbwertzeit von
12,5 Stunden hat. Wenige Monate später, am 12. Oktober 1941, unternahmen die Mediziner Joseph Hamilton und John H. Lawrence an der Berkeley University einen weiteren Versuch, Schilddrüsenpatienten mit einer Radiojodtherapie zu behandeln. Sie verwendeten das Isotop I-131, das gegenüber dem in Boston eingesetzten Radionuklid I-130 den Vorteil einer deutlich längeren Halbwertzeit von knapp acht Tagen hat. Und dieses Radionuklid wird bis heute verwendet.

Dabei machten sich die Mediziner und Physiker die Erkenntnisse von zahlreichen Wissenschaftlern zu den speziellen Eigenschaften der beiden Isotope, ihrer Herstellung und der Aufnahme von radioaktiven Substanzen wie Jod I-131 im Körper zunutze. So haben beide Isotope nur eine geringe Reichweite der Betastrahlung, bei I-131 beträgt sie
0,5 Millimeter in der mittleren Reichweite. Die zweite wichtige Erkenntnis war, dass Jod nur von Schilddrüsenzellen aufgenommen wird. Hinzu kamen die Ergebnisse zahlreicher Forschungsarbeiten von Quantenphysikern und Nuklearforschern – etwa zur künstlichen Herstellung von Isotopen oder die Messung der Strahlung mithilfe der „Geigerzähler“.

„Mein Großvater zählte in den 1950er-Jahren zu den ersten, wenigen Ärzten in Deutschland, die Schild-drüsen-Szintigramme und die in den USA mit großem Erfolg angewandte Radiojodtherapie durchführten.“

Dr. Christoph Hancken, der in der dritten Generation die Klinik Dr. Hancken als Geschäftsführender
Gesellschafter und Ärztlicher Direktor leitet.

Samuel M. Seidlin schrieb Medizingeschichte

Der Zweite Weltkrieg behinderte zwar die zivile Nutzung von künstlich erzeugten Isotopen in der Medizin, aber der New Yorker Arzt und Chef der endokrinologischen Abteilung des Montefiore Hospitals in New York City, Samuel M. Seidlin, konnte sich eine geringe Menge radioaktives Jod beschaffen und es als erster Mediziner bei einem Patienten mit metastasiertem Schilddrüsenkrebs einsetzen.

Der Fall des Mr. B.B. schrieb Medizingeschichte: Der Patient hatte 20 Jahre nach einer operativen Entfernung der Schilddrüse Zeichen einer schweren Überfunktion entwickelt. Seidlin vermutete, dass sich im Körper seines Patienten mehrere Metastasen gebildet hatten. Für Mr. B.B. gab es eigentlich keine Rettung mehr, mit konventionellen Methoden war keine Heilung möglich. Als letzte Chance schlug Seidlin eine Therapie mit radioaktivem Jod vor, einer Mischung aus I-130 und I-131. Im März 1943 erhielt Mr. B.B. die Testdosis, Seidlin überwachte mit einem Geigerzähler die Verteilung der radioaktiven Substanz im Körper seines Patienten. Er fand alle radiologisch bekannten Metastasen sowie zwei zuvor unentdeckte Tumorabsiedlungen; in dem Bereich, wo einst die Schilddrüse gelegen hatte, wurde keine Aktivität gefunden. Der Pathologe des Krankenhauses, der die Untersuchung verfolgte, war fasziniert von den Signalen des Geigerzählers, die sich verstärkten, wenn Sedlin ihn über die Körperregionen führte, in denen sich die Metastasen entwickelt hatten: „Ich habe schon viele Metastasen unter dem Mikroskop gesehen, aber dies ist das erste Mal, dass ich sie reden höre!“