Tempowerk – ein Ort der Inspiration

Foto: Wolfgang BeckerChristoph Birkel, geschäftsführender Gesellschafter des Tempowerks, hat sich seit mehreren Jahren intensiv mit Themen wie New Work, Kollaboration und der Einbindung von Wissenschaft in wirtschaftliche Prozesse befasst. Jetzt setzt er sein Konzept um. Foto: Wolfgang Becker

Christoph Birkel über das neue Konzept

Die Welt wird immer schneller und komplexer,“ sagt Christoph Birkel, geschäftsführender Gesellschafter des hit-Technoparks. Seine Antwort auf die rasanten Umdrehungen lautet: „Tempowerk! Das ist unsere Antwort, denn die Herausforderungen dieser Zeit können wir nur gemeinsam meistern. Das gilt insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen im Technologiebereich. Es geht um Netzwerk und Plattform-Ökonomie. Genau dafür steht das Tempowerk, denn als 1928 der Tempowagen entwickelt wurde, machten sich unter Oscar Vidal schlaue Köpfe gemeinsam an die Arbeit und dachten das Auto neu. Heraus kam der berühmte Kleinlaster, der dreirädrige Tempowagen, der ein Welterfolg wurde.“ Unter dem neuen Namen Tempowerk erfindet sich nun auch der hit-Technopark neu und baut sein bisheriges Konzept strategisch um und aus.

Der Tempowagen hatte zwar nur drei Räder und einen Minimotor mit weniger als 200 Kubikzentimeter Hubraum, aber er hatte zwei entscheidende Vorteile: Er war von der Steuer befreit, und der Fahrer brauchte keinen Führerschein. Birkel: „Ich sehe in dieser Erfolgsgeschichte, die übrigens bis in die 1970er-Jahre andauerte, einen kollaborativen und branchenübergreifenden Ansatz. Deshalb passt der Name Tempowerk so gut zu uns. Wir bringen Menschen aus den unterschiedlichsten Branchen an einem Ort zusammen, an dem sie sich wohlfühlen sollen. Das Tempowerk soll ein Ort der Inspiration sein, an dem sich tolle, kreative Leute bei gutem Essen gegenseitig weiterbringen und an dem Neues im Technologiebereich entsteht. Wir wollen das führende Zentrum für Kollaborationen im Techno­logiebereich werden. Dafür stiften wir sogar einen Lehrstuhl.“

Der Konkurrent heißt Homeoffice

Anzeige

Nun steht ausgerechnet in Corona-Zeiten das gemeinsame Arbeiten auf dem Index, und viele Mitarbeiter sind aus ihren Büros an den heimischen Schreibtisch geflüchtet. Dazu sagt Christoph Birkel: „Alle Anbieter von Büroflächen haben einen neuen Konkurrenten: das Homeoffice. Aber viele Menschen möchten auch wieder zurück ins Büro, denn nicht überall ist zu Hause eine ideale Arbeitssituation gegeben. Deshalb wollen wir einen Ort anbieten, der das bietet, was Homeoffice nicht kann: Menschen treffen und eine Atmosphäre, die Inspiration und Energie erzeugt.“

Der Mehrwert, den das Tempowerk bietet, besteht aus einem ganzen Paket: Kollaboration (branchenübergreifende Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern), guter Architektur, angenehmer Atmos­phäre, ein ausgezeichnetes Speiseangebot im neuen Restaurant und modernste Technik und Abwechselung in den Konferenzräumen. Damit will Birkel punkten und mit dem Tempowerk einen attraktiven Ort für Arbeit, Kreativität und Ideenfindung für Menschen aus dem Technologiebereich schaffen.

Der Impuls, den hit-Technopark umzubauen, ist nicht vom Himmel gefallen. Christoph Birkel hat zum einen eine Affinität zu den USA, zum anderen schaute er sich viele New-Work-Konzepte an. Die großen Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley haben seit Jahren eine andere Arbeitskultur vorgelebt, die sich aus seiner Sicht allerdings auf die westeuropäische, insbesondere die deutsche Kultur nicht ohne Weiteres übertragen lässt. Offenheit, Risikobereitschaft und das einkalkulierte Scheitern einerseits treffen in Deutschland eher auf Verschlossenheit, Sicherheitsdenken und Erfolgszwang. Es sind die jungen Start-ups, die vielfach zeigen, dass es auch anders gehen kann.

Bei allem, was sich Christoph Birkel bei den Vorplanungen angeschaut hat, findet sich ein gemeinsamer Nenner: „Die Menschen wünschen sich einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen, eine Heimat. Das gilt gerade auch für die Arbeitswelt. So einen Ort schaffen wir hier.“

Flexibles Arbeitsplatzmodell

Anzeige

Im Tempowerk sind derzeit etwa 110 Unternehmen eingemietet – darunter viele kleine und mittlere, aber auch Dependancen von großen Unternehmen, die ein Standbein in Hamburg haben. Birkel geht davon aus, dass sich die Corona-Pandemie auch auf künftige Raumkonzepte von Unternehmen auswirken wird. Die Idee: „Firmen bringen ihre Mitarbeiter vermehrt dezentral unter, zum Beispiel im Homeoffice. Die dauerhaft angemieteten Flächen bei uns im Werk werden dadurch reduziert. Wird mehr Platz gebraucht, stellen wir entsprechende Räume zur Verfügung. Zum Beispiel für Konferenzen, große Besprechungsrunden oder auch auf Zeit als zusätzlichen Arbeitsplatz. So entsteht ein flexibles Arbeitsplatzmodell. Unsere kleinste Mieteinheit ist ein virtuelles Postfach. Man braucht also gar kein Büro mehr, hat aber trotzdem seine Postadresse bei uns, mit allen Vorteilen. Muss man sich dann doch einmal physisch treffen, beispielsweise mit Kunden, mietet man sich einfach für einen Tag einen Raum bei uns an. Unser Steckenpferd ist es aber, Menschen zusammenzubringen. Darauf ist unser ganzes Konzept ausgerichtet.“

Das Tempowerk, dessen Haupthaus mit dem Restaurant, dem Hotel und den Konferenzräumen derzeit noch im Umbau ist, soll im Herbst offiziell eröffnet werden. Das Konzept basiert auf drei Säulen: Technologiezentrum, Hotel- und Konferenzzentrum und Service. Zu Letzterem zählt ein nagelneues Rechenzentrum, das – kaum am Start – schon wieder erweitert werden muss, weil die Nachfrage so groß ist. Da 2020 die geplante 35-Jahr-Feier des Technologiezentrums (vormals hit-Technopark) Corona-bedingt ausfallen musste, wird die Eröffnung zugleich eine 36-Jahr-Feier. Insgesamt investiert Birkel in das Tempowerk-Konzept einen mittleren siebenstelligen Betrag.

Einen kuriosen Aspekt hat das Tempo­werk noch zu bieten, denn es kommt selten vor, dass sich ein „neuer“ Name im Straßennamen wiederfindet – eher folgt der Straßenname einem alten Namen. So kam es damals auch zur Widmung des Tempowerkrings, der nun perfekt zum neuen Tempowerk passt. wb

Der weltweit einzige E-Tempo steht in einer beheizten gläsernen Garage im Tempowerk . . .

In mehr als 40 Ländern dieser Welt war der Tempowagen aus Harburg einst zu finden – ein grandioser Verkaufsschlager, der auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch viele Jahre das Bild in den Straßen prägte. Vor allem das Modell „Hanseat“ gehört bis heute in die Kategorie Nachkriegsdeutschland. Mittlerweile ist der Tempo eine echte Rarität und bei Oldtimer-Freunden beliebt – wobei es aus technischen Gründen gar nicht so einfach ist, eine Straßenzulassung zu bekommen.

Vor dem Hauptgebäude im Tempowerkring 6 stand in den Sommermonaten immer ein hellblauer „Hanseat“, der sich aber als nicht mehr restaurierungsfähig erwies. Also musste ein anderer Tempo gefunden werden, denn die zeitgemäße Idee lautete: Wir bauen einen Tempo zum E-Auto um und soll damit für die Wandlung des Tempo­werks von einem Industrie- zu einem Technologiestandort stehen. Fündig wurden Birkel und sein Team in den Niederlanden. Unter der Haube des Dreirad-Wagens – 1951 in Harburg gebaut, 2015 von einem Oldtimer-Liebhaber restauriert – summt mittlerweile ein Antriebsaggregat, das kein anderer der weltweit noch fahrenden Zweitakter besitzt: ein Elektromotor. Dieser wurde dem Fahrzeug 2020 bei der Firma E-Cap in Winsen eingebaut, einem Spezial-Unternehmen für den Umbau historischer Fahrzeuge zu Elektroautos. Der E-Tempo soll im Sommer als Werbeträger für das Tempowerk unterwegs sein. Frei nach dem Motto „Echte Hanseaten kommen aus Harburg“ dürfte das Fahrzeug auch nördlich der Elbe für Aufsehen sorgen.

Tatsächlich hat Christoph Birkel noch mehr im Sinn. Wenn die Chance besteht, würde er gern die Tempo-Wagen-Sammlung im benachbarten Mercedes-Werk übernehmen und am Ort ihrer „Geburt“ ausstellen. Dort haben noch ein paar Oldtimer überdauert. wb