…und dann kam die zündende Idee

Foto: CremTecEr erläutert die 750-Grad-Idee: Svend-Jörk Sobolewski, Inhaber der Cremtec GmbH in Stade Ottenbeck und Bundesvorsitzender der 2005 gegründeten Arbeitsgemeinschaft der Krematorien in Deutschland. Foto: Wolfgang Becker

Energie sparen: Krematorien-Betreiber drehen mit Erfolg an „angenommenen Werten“ für die Nachverbrennung und senken den Gasverbrauch um 30 Prozent.

Der heftig gestiegene Gaspreis stellt die Wirtschaft derzeit vor vielfältige, manchmal sogar existenzielle Probleme, führt aber manchmal auch zu überraschenden Erkenntnissen und Einsparmöglichkeiten. Svend-Jörk Sobolewski,

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Gründer und Geschäftsführer der Cremtec GmbH in Stade-Ottenbeck, betreibt sechs Krematorien in Norddeutschland und hat zwangsläufig einen hohen Energiebedarf, denn die Öfen, in denen die Einäscherung der Verstorbenen passiert, werden durchweg mit Gas beheizt. Ein Riesenthema in der Branche. Als Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Krematorien in Deutschland ist Sobolewski ständig im Austausch mit Kollegen. Die gemeinsame Suche nach Lösungen brachte nun ein Ergebnis, dass sich offenbar auch auf andere Verbrennungsanlagen anwenden lässt und einen enormen Spareffekt hat.

„Natürlich stellt uns die derzeitige Gaspreisentwicklung vor erhebliche Probleme. Also haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, wo sich Einsparungen realisieren lassen, denn die Bundesregierung hat ja eine Sparquote von 20 Prozent vorgegeben. Frage also, wie man das schafft. Ganz pragmatisch können sich kleinere Krematorien zusammentun und wochenweise im Wechsel arbeiten. Dadurch verringern sich die Anlaufkosten der Öfen. Auch ein Mehrschichtbetrieb macht Sinn, wenn dadurch beispielsweise ein Ofen abgeschaltet werden kann, während der andere durchgängig beheizt wird“, berichtet Sobolewski vom Brainstorming der Krematorienbetreiber. Doch dann kam die zündende Idee, und die gibt zu denken.

Der lange Weg an die Luft

Um zu verstehen, um was es geht, hilft ein kurzer Ausflug in die Technik. Die eigentliche Einäscherung des Sarges findet bei rund 750 bis 800 Grad Celsius in der Hauptkammer der Verbrennungsanlage statt, die zuvor mit Gas auf Betriebstemperatur hochgeheizt wird. Das entstehende Rauchgas wird in die sogenannte Nachverbrennungskammer geleitet, dort bei 850 Grad ein weiteres Mal entzündet, um Partikel, Staub und auch die darin enthaltenen Schadstoffe weitestgehend zu eliminieren. Im nächsten Schritt erfolgt eine Kühlung des Rauchgases. Über Filter werden letzte Partikel aufgefangen und in Säcken gesammelt, die als Sondermüll entsorgt werden müssen. Anlagen dieser Art durchlaufen ein Genehmigungsverfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BimschV). Dort ist genau vorgegeben, welche Abgaswerte erreicht werden müssen, bevor die Abluft, ähnlich wie bei jeder beliebigen Heiztherme, nach außen gelangen darf.

Sobolewski: „Wir haben der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz vorgeschlagen, die Nachverbrennungstemperatur von 850 auf 750 Grad zu senken. Diese AG ist ein Arbeitsgremium der Umweltministerkonferenz. Wir konnten nachweisen, dass die Wirksamkeit der Nachverbrennung durch die Absenkung nicht eingeschränkt wird, denn die vorgegebenen 850 Grad sind ein angenommener Wert. Der Einspareffekt beim Gas liegt bei 30 Prozent. In der Folge soll diese Absenkung nun auch für Sonderverbrennungsanlagen aller Art angewendet werden. Darauf sind wir schon ein bisschen stolz.“ Und das zu Recht, denn möglicherweise lauern in vielen Bimsch-Genehmigungen weitere „angenommene Werte“, die die Kosten nach oben treiben, vor allem aber den Energieverbrauch.

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Freigabe für ein halbes Jahr

Die Genehmigung für die 750-Grad-Idee gilt zunächst für ein halbes Jahr, kann dann neu beantragt werden, wie Svend-Jörk Sobolewski sagt. Er ordnet den enormen Effekt noch einmal ein: „In unseren modernen Krematorien haben wir den Gasverbrauch ohnehin schon minimiert. Gas ist

eben nur ein Teil der Kostenrechnung. In Schwerin haben wir einen von zwei Öfen abgeschaltet und fahren nun im Mehrschichtbetrieb. Wo wir einerseits Energie sparen, geben wir andererseits mehr Geld für höhere Löhne, Nachtzuschläge und Überführungen aus, wenn die Kapazitäten zwischen den Standorten optimiert werden sollen. Die hohen Kosten entstehen eher da.“

In Stade-Ottenbeck läuft die Anlage der Cremtec GmbH im Zwei- bis Dreischichtbetrieb. Insgesamt wird der erzielte Energiespareffekt an diesen Zahlen deutlich: „Im Einschichtbetrieb brauchen wir 20 Kubikmeter Gas pro Einäscherung. Nach den jetzt getroffenen Maßnahmen liegen wir bei 5,7 Kubikmetern“, sagt Sobolewski. 9200 Einäscherungen werden allein in Stade pro Jahr durchgeführt. Perspektivisch soll auf

Elektro- beziehungsweise sogar Wasserstoffbetrieb umgerüstet werden. Während die H2-Einäschung noch Zukunftsmusik ist, meldet Sobolewski im Dezember dieses Jahres die Inbetriebnahme vom Econe in Hameln, dem ersten Elektro-Ofen der Arbeitsgemeinschaft „Die Feuerbestattungen“. wb

>> Web: www.cremtec.de