Master-Casting mit potenziellen indischen CFK-Spezialisten

PFH-Präsident Prof. Dr. Frank Albe und Vizekanzlerin Peggy Repenning, Leiterin des PFH Hansecampus Stade, schauen Vizepräsident Prof. Dr. Wilm Unckenbold über die Schulter. Er führt Bewerbergespräche mit potenziellen indischen Master-Studenten via Skype. Foto: Wolfgang Becker

Gespräch mit Prof. Dr. Frank Albe, Präsident der PFH Private Hochschule Göttingen, und Vizekanzlerin Peggy Repenning – Hansecampus Stade setzt auf Indien und China

Deutsche Ingenieurskunst genießt weltweit einen sehr guten Ruf – so gut, dass die PFH Private Hochschule Göttingen an ihrem Campus in Stade eine ungewöhnliche Form der Globalisierung erlebt und den Master-Studiengang Composites (CFK) nun nach Asien exportiert. Genauer gesagt: Studenten aus Indien und China nach Stade holt, damit sie vom Fachwissen deutscher Ingenieure profitieren. Über die neue Fernost-Connection der PFH sprach B&P mit Prof. Dr. Frank Albe, Präsident der PFH, und Vizekanzlerin Peggy Repenning, Leiterin des Hansecampus‘ in Stade.

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Der Umbruch begann vor etwa drei Jahren: Nachdem die PFH über Jahre erfolgreich zahlreiche Bachelor- und Master-Absolventen im Bereich Kohlefaserverbundstoffe vorwiegend für die Luftfahrtbranche ausgebildet hatte, meldete der größte Partner, Airbus, weniger Bedarf an Master-Studenten. Mehr als 300 Master- und Bachelorabsolventen der PFH, allesamt Carbon-Spezialisten, arbeiten bereits für den großen europäischen Flugzeugbauer. Zwar sind die PFH-Absolventen des achtsemestrigen CFK-Bachelorstudiums weiterhin bei Airbus gefragt, doch für die Abgänger des weiterbildenden Masterstudiums gab es zunächst keinen weiteren Bedarf. Albe: „Mittlerweile starten wir auf internationaler Ebene neu durch.“

Dabei kam der PFH zugute, dass bereits 2010 ein Masterstudiengang in englischer Sprache eingerichtet worden war – eine gute Entscheidung, denn inzwischen ist die CFK-Expertise aus Stade weltweit nachgefragt. Vizekanzlerin Peggy Repenning: „Wir haben Anfragen aus der Türkei, aus dem Iran, aus China und vor allem aus Indien. Das wird hier jetzt bunt. Der PFH Hansecampus Stade wird zunehmend international.“ Hintergrund: In vielen Ländern fliegen mittlerweile Flugzeuge mit CFK-Bauteilen oder sogar mit kompletter CFK-Architektur. Diese Maschinen müssen repariert und gewartet werden. Sind CFK-Teile betroffen, ist Fachwissen gefragt.

„In der Konsolidierungsphase konzentrierten wir uns zunächst auf europäische Studierende“, sagt Albe. „Doch die Unis in den Herkunftsländern begannen, das Stader Erfolgsmodell zu kopieren. Dann kamen die ersten Anfragen aus Indien.“ Zunächst waren es zwei indische Studenten, mittlerweile sind es bereits 15. Die PFH hat auf dem Subkontinent einen Agenten damit beauftragt, geeignete Bewerber zu suchen. Der PFH-Präsident: „Unser Ziel ist es, auf 20 Master-Studenten pro Jahrgang zu kommen. So viele hatten wir auch, bevor der Airbus-Bedarf gedeckt war.“

„Wir fordern neue Standards“
Stand heute: Der Agent stellt pro Jahrgang 150 Bewerber vor – die Besten der Besten, zusammengesucht aus ganz Indien. Voraussetzung sind ein abgeschlossenes Studium und mindestens ein Jahr Berufspraxis. Aus den 150 Bewerbern wählt die PFH bis zu 15 aus. „Wir fordern hohe Standards, die die Bewerber erfüllen müssen. Diese Messlatte darf nicht gerissen werden – das hat die indischen Partner besonders beeindruckt. Das Studium kostet Geld, der Aufenthalt in Deutschland – immerhin eineinhalb Jahre – ist teuer. Wir haben aber großes Interesse daran, dass unsere Studenten erfolgreich sind und den Abschluss schaffen. Deshalb ist es für uns so wichtig, die Grundvoraussetzungen abzuklopfen.“

Bewerbergespräche via Skype
Dank Skype sind Bewerbergespräche heutzutage online möglich. Für Vizepräsident Dr. Wilm F. Unckenbold, Professor für Faserverbundwerkstoffe, ist es mittlerweile Routine, mit Bewerbern für den Masterstudiengang CFK in Indien zu sprechen. Frank Albe: „Die Inder schätzen unsere deutsche Ingenieurs­kunst, aber vor allem auch die familiäre Lernsituation: Wir betreuen unsere Studenten am Hansecampus sehr individuell. Das spricht sich herum und ist sehr gefragt.“ Peggy Repenning: „Wir verstehen uns als Botschafter der Globalisierung.“

Die Master-Studenten bekommen zusätzlich einen Deutsch-Sprachkurs sowie Unterricht in den Bereichen Management und Projektmanagement. Die PFH bleibt damit ihrem ganzheitlichen und praxisorientierten Ansatz treu. Trotzdem ist die Internationalisierung auch eine Herausforderung: „Unsere Studenten aus Indien und China sind sehr betreuungsintensiv. Das geht schon bei der Suche nach Unterkünften los“, sagt die Vizekanzlerin. Sie legt auch Wert darauf, dass die Gäste aus Fernost möglichst privat untergebracht werden, ein gutes Stück deutsche Kultur mitbekommen und beispielsweise zu Weihnachten Familienanschluss haben.

Im Oktober 2018 wurden die ersten Master-Absolventen aus Indien nach eineinhalb Jahren Deutschland verabschiedet. Allerdings nicht alle: „Einer wurde sofort vom Münchner Unternehmen Lilium eingestellt. Der ist jetzt samt Familie nach Bayern gezogen“, berichtet die Vizekanzlerin. Lilium (siehe auch Bericht im B&P Aviation-Special 2018) entwickelt mit Venture-Kapital aus China ein Flugtaxi. Weitere Einsatzmöglichkeiten bieten sich den Master-Absolventen neben dem traditionellen Flugzeugbau in der Windkraftbranche, in der Transportbranche, im Bootsbau, in den gesamten Mobiliätsbranchen zum Beispiel in Bezug auf E-Mobilität und überall dort, wo Leichtbau gefordert ist.

Am PFH Hansecampus Stade werden aktuell auch insgesamt 80 Bachelor-Studierende im CFK-Bereich auf das Berufsleben vorbereitet (20 pro Jahrgang). Immer willkommen sind technikbegeisterte Abiturienten. Diese können sich direkt bei der Hochschule oder mit einem Jahr Vorlauf bei einem PFH-Partnerunternehmen bewerben. Die Kooperationspartner, darunter der Airbuskonzern und Diehl Aviation, tragen für „ihre“ Studierenden die vollen Studiengebühren und bieten den Absolventen meist langfristige Jobperspektiven im Unternehmen. Im Studiengang BWL sind zurzeit ca. zehn Studenten pro Jahrgang eingeschrieben. Frank Albe, der selbst jeden Freitag acht Stunden BWL lehrt, sagt: „Diese Zahl würden wir gerne verdoppeln. Dazu werden wir verstärkt auch das Elbe-Weser-Dreieck in den Fokus nehmen. Wir haben Unternehmen, die Studenten einstellen wollen, und Stipendien, aber es fehlt uns an Bewerbern.“ Ein Grund: BWL wird in der Metropolregion Hamburg gleich mehrfach angeboten, was die Konkurrenzsituation verschärft. Albe: „Für CFK kommen die Studenten nach Stade, für BWL bleiben sie in Stade.“ Zusätzlich bietet der PFH-Hansecampus seit Oktober 2018 den Bachelor Wirtschaftsingenieur im Fernstudium sowie 13 weitere Fernstudiengänge an. wb

Web: https://www.pfh.de/ stade-studieninfo@pfh.de