Das tragische Ende von Gameboy & Co.

In diesem schrillen 70er-Jahre-Zimmer stehen so allerlei Relikte mit hohem Erinnerungswert: der Video-Rekorder zum Beispiel. Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums Hamburg, hat die neue Ausstellung selbst konzipiert – die Ausstellungstücke wurden überwiegend bei ebay zusammengekauft. Foto: Wolfgang Becker

„hot stuff“ ausgegraben: Archäologisches Museum Hamburg zeigt ausgestorbene Technik der Neuzeit

Die Evolutionstheorie wird zwar in der Schule gelehrt, bewiesen ist sie aber nicht. Nun zeigt das Archäologische Museum Hamburg eine bemerkenswerte Ausstellung unter dem Titel „hot stuff“ und präsentiert eine ausgestorbene Art der technischen Neuzeit: den Kaugummi-Automaten, der aus dem urbanen Stadtbiotop verschwunden ist – an seine Stelle ist eine neue Art getreten: der Kondom-Automat. So funktioniert Evolution. Im Ernst: Die neue Sonderausstellung, die Museumsdirektor Rainer-Maria Weiss nach einem „Steinzeit-Impuls“ aus dem Mund seiner Tochter aufgelegt hat, entführt in die jüngere technische Vergangenheit. Archäologie-Begeisterte mögen jetzt an Leonardo da Vinci denken, aber es geht vielmehr um vertraute, aber eben ausgestorbene Wegbegleiter wie den Kassettenrekorder, die mechanische Schreibmaschine, das Telefon mit Wählscheibe und die Urahnen des iPhones. Ein Déjà-vu für die Altersklasse Ü30 und ein „archäologischer Ausflug“ für die Generation Z (bis 2012 geboren), die glaubt, eine Telefonzelle sei so eine Art Handy-Gefängnis. Die Ausstellungsstücke wurden überwiegend bei ebay ausgegraben.

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„Das ist ja voll Steinzeit!“

Weiss: „Ich war gerade dabei, meiner Tochter etwas über einen Nadeldrucker zu erklären, als sie meinte ‚Das ist doch voll Steinzeit!‘. Daraus entstand die Idee, eine Ausstellung über die Archäologie der 1970er- bis 2000er-Jahre zu machen, um Dinge zu zeigen, die mittlerweile ausgestorben sind. Der Arbeitstitel hieß ‚Voll Steinzeit‘, wandelte sich dann jedoch in ‚hot stuff‘ und meint Gegenstände, die phasenweise absolut in und auch technische Oberklasse waren, über die jedoch mittlerweile niemand mehr spricht.“ Konkret geht es um Themen wie Fotografie, Gaming, Computer und Telefonie. Zu hören sind sogar „ausgestorbene Geräusche“, wie sie beispielsweise die Schreibmaschine oder der Gameboy dereinst von sich gaben.

Steinschwerter mit Gussnaht

Dass die gute alte „Erika“-Schreibmaschine keinen Stecker braucht, erschließt sich Jugendlichen heute nur bedingt – im Harburger Stadtmuseum dürfen sie jetzt sogar ausprobieren, wie es sich anfühlt, einen Text mechanisch in die Maschine zu hacken. Weiss: „Die Telefone in der Ausstellung sind zum Benutzen da. Wer den Hörer aufnimmt und wählt, lässt irgendwo an anderer Stelle ein Telefon klingeln. Geht jemand ran, ist ein neuer Kontakt entstanden. Das kann spannend werden.“ Archäologisch betrachtet, dürfte es sich hier um das Zeitalter des Telefoniums handeln (ab 1861), das zwar einem rasanten technischen Wandel unterworfen ist, aber immer noch anhält. Dass Technik dem Druck der Mode unterworfen ist, war übrigens schon früher der Fall. Weiss berichtet von den ersten Schwertern aus Bronze, die etwa 600 vor Christus die Begehrlichkeiten von noch steinzeitlich geprägten Stammesführern weckten, aber unbezahlbar waren (heute hieße das „Must-have“). Was taten sie? „Sie bauten Waffen wie bisher aus Flint, versahen sie aber optisch mit einer steinernen Gussnaht“, berichtet der Archäologe Weiss. „Das war hot stuff vor über 2500 Jahren.“ Und weiter: „Heute dreht sich das Karussell der technischen Entwicklung so schnell, dass das neue Handy beim Verlassen des Mediamarkts schon alt ist, weil hinten im Lager bereits das Nachfolgemodell liegt.“ Konkret: Viele Neuheiten verschwinden schneller als gedacht. Generationen von Mobilfunktelefonen und Fotoapparaten mündeten technisch quasi im Ur-iPhone. Magnetband-Kassetten für die Aufnahme von Musik, die Floppy Disc (übersetzt: „Wabbelige Scheibe“) als Speichermedium oder etwa die legendäre Polaroidkamera – einst Kultgegenstände, heute technische Dinosaurier der Neuzeit. Wohin die Reise derzeit geht, zeigt das Museum auch: Im letzten Raum erwartet den Besucher eine virtuelle Waldlichtung. Nicht ausgeschlossen ist allerdings, dass die VR-Brille schon bald Geschichte ist und von einem implantierten Bio-Chip abgelöst wird, mit dem sich gedankengesteuert virtuelle Reisen an jeden beliebigen Ort der Erde unternehmen lassen . . . wb

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr, Archäologisches Museum Hamburg, Museumsplatz 2,
21073 Hamburg, unter 18-Jährige haben freien Eintritt.

Die Ausstellung endet am 26. April 2020, geht danach auf Tournee durch Deutschland.

Web: https://amh.de/ausstellungen/hot-stuff-archaeologie-des-alltags/