Wieder in die Hände spucken!

Martin MahnMartin Mahn ist der Geschäftsführer der Tutech Innovation GmbH und der Hamburg Innovation, den beiden Unternehmen Hamburgs für Wissens- und Technologietransfer. Foto: Tutech

Mahns Meinung – Kolumne von Martin Mahn, Geschäftsführer Tutech Innovation und Hamburg Innovation

Wie war das nochmal? Was hat uns einst ausgezeichnet? Und für mehrere Wirtschaftswunder gesorgt? Worum wurden wir jahrzehntelang oft beneidet? Mist, ich komm nicht mehr drauf. Ach doch! Ja! Jetzt weiß ich’s wieder: Eine ausgezeichnete, moderne Infrastruktur, exzellent ausgebildete Fachkräfte (Top-Artikel: der deutsche Ingenieur) und – die Fähigkeit zu ackern, zu malochen, zu klotzen. Kommt Ihnen nicht mehr bekannt vor? Mir auch nicht mehr. Leider.

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Was zeichnet unser Land und seine Bewohner heute stattdessen aus? Auch wenn die Wirtschaft so brummt wie schon lange nicht mehr – wir leben auf Verschleiß. Die physische Infrastruktur ist kaputt – Straßen, Brücken, Tunnel, öffentliche Gebäude sind marode – und unser einst so glänzendes Handwerk hat Nachwuchsprobleme. Digital sind wir im Vergleich zu anderen Ländern in der tiefsten Steinzeit, an zuverlässiges Breitbandinternet für alle ist in den nächsten zehn Jahren nicht zu denken. Insbesondere in den digitalen Industrien haben deutsche Unternehmen längst den Anschluss verpasst (in anderen Bereichen wie zum Beispiel der Finanzwelt übrigens auch). Fachkräftemangel in allen Branchen. Und keine Aussicht auf kurzfristige Besserung. Denn die seit vielen Jahren chronisch unterfinanzierten Bildungseinrichtungen können den Bedarf schon jetzt weder quantitativ noch qualitativ decken. Uns geht es offenbar so gut, dass wir vergessen haben, wie richtig arbeiten geht.

Zeichen von Dekadenz

Mal richtig reinhauen? Nö. Lieber Work-Life-Balance, Feng Shui im Büro und customized Müsli. Das sind Zeichen von Dekadenz. Und das hört sich nicht wirklich danach an, als seien die Weichen Richtung Innovation und nachhaltige Zukunft gestellt.

Wir müssen dringend gegensteuern. Rasch und kräftig. Die von unserer neuen Forschungsministerin vorgeschlagene „Bundesagentur für Sprunginnovationen“ ist da aber eher wenig hilfreich. Seit wann lässt sich Innovation verordnen? Hä? Der richtige Weg führt über Investitionen. Massivste Investitionen. Über lange Zeit. In Bildung auf allen Ebenen – Schule, Ausbildung, Hochschule, Job. In Forschung und Entwicklung – vor allem zu Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, Big Data, additive Fertigung, alternative Kraftstoffe und Materialien, Energiespeicher und so weiter. Und in den Ausbau und Erhalt unserer physischen und digitalen Infrastruktur.

Wir brauchen Investitionen im Schulterschluss von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Investitionen in unsere Demokratie. Unser Staat sollte Vorbild sein, Anreize setzen, Rahmenbedingungen schaffen, die als der zukünftige Nährboden innovativer Entwicklungen dient. Wir alle müssen wieder mehr zusammenstehen, in die Hände spucken und anpacken – auch wenn es einige Jahre dauern wird, bis sich ein Ergebnis zeigt.

>> Fragen an den Autor? mahn@tutech.de