Mein Tipp: Rückwärts in den Kühlschrank greifen . . .

Business & Health – Kolumne von Dr. med. Udo Brehsan, Ärztlicher Leiter der Sektion für arthroskopische Gelenkchirurgie und Sporttraumatolgie/Helios Mariahilf Klinik Hamburg

Fast jeder zehnte Patient klagt inzwischen über Schulterschmerzen. Sind ein Unfall oder eine Sportverletzung der Auslöser, steht uns heute eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung – von der Gelenkspiegelung bis zu minimalinvasiven Operationsverfahren. Oft treten Schulterschmerzen aber ohne klare Ursache und plötzlich oder schleichend über einen längeren Zeitraum auf. Die Patienten denken dann schnell an Überlastung, Entzündungen oder Verschleiß. Und sie haben recht, denn Schulterschmerzen können viele verschiedene Ursachen haben.

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Unsere Schulter ist ein anatomisches Wunderwerk. Es ist das beweglichste Gelenk des Menschen, da die Schulter vorwiegend durch Muskeln fixiert und bewegt wird – und nicht durch wenig dehnbare Bänder wie beispielsweise das Hüftgelenk. Dank des Schultergelenks können wir mit unseren Armen vor, hinter, neben und über uns greifen. Was wir aber in den seltensten Fällen tun – leider.

Wir stehen oder sitzen im Arbeitsalltag oft stundenlang. Unsere Arme nehmen dabei eine gewisse Zwangshaltung ein, beispielsweise am Schreibtisch mit den Händen an der Tastatur. Die Folge: Unsere Arme befinden sich zu großen Teilen des Tages in einem rechten Winkel. Wir nutzen also nur fünf bis maximal zehn Prozent vom möglichen Bewegungsradius unserer Arme im Schultergelenk.

Mein Tipp: Greifen Sie doch mal rückwärts in den Kühlschrank. Dann merken Sie schnell wie selten Sie den Spielraum ihrer Schulter in diesem Winkel nutzen. Es wird sich ungewohnt und vielleicht sogar auch schon unangenehm anfühlen. Denn durch die fehlende Nutzung des eigentlichen Bewegungsradius verkürzt sich zusehends die Schultermuskulatur und das die Schulter umspannende Fasziengewebe versteift, gibt nicht mehr nach.

Raus aus der Komfortzone

Verspannungen durch zu wenig Bewegung und vor allem aber monotone Bewegungen sind dann der Auslöser für Schmerzen, Kalkeinlagerungen, Bewegungseinschränkungen und andere Erkrankungen der Schulter. Ein erster Schritt gegen Schulterschmerzen ist es also, die eigene Komfortzone zu verlassen und den Schultern wieder die ausreichende Bewegungsfreiheit in allen Bewegungsrichtungen zu schenken. Verspannungen gezielt lösen, ist hier das Ziel. Das erreichen Sie über spezielle Übungen für die Schulter, aber auch durch kleine Verhaltensänderungen im Alltag. Sie können beispielsweise beim Zähneputzen den Ellenbogen auf Schulterhöhe bringen, häufig benötigte Dinge hoch ins Regal stellen oder sich im Büro ab und an strecken.

Sowohl bei verletzungsbedingten als auch bei spontan auftretenden Schulterschmerzen sollten Sie dennoch umgehend einen entsprechenden Facharzt beziehungsweise Schulterspezialisten aufsuchen. Vor allem wenn Sie Ihre Schulter kaum noch bewegen können, gewohnte Aktivitäten oder Belastungen schmerzen und auch Ihr Schlaf durch den Schmerz gestört wird, ist eine Untersuchung unumgänglich. Hier können nur eine genaue Diagnose und eine abgestimmte Therapie helfen. Das sollte man auf keinen Fall „auf die leichte Schulter nehmen“ . . .