Auf einen Kaffee mit: Dieter Petram

Dieter Petram, Schiffbauunternehmer in Bremerhaven. Foto: Wolfgang Heumer

Unser Gesprächspartner: Dieter Petram, der zu den treibenden Kräften für die Renaissance des Schiffbaus in Bremerhaven zählt. Bei einer Tasse Kaffee betrachtet Petram den Standort Bremerhaven aus der Perspektive eines engagierten Unternehmers und zugleich mit der Distanz eines nüchternen Beobachters.

Business & People: Sie gehören zu den Initiatoren der Aktion „Wir lieben Bremerhaven“. Ist die Liebe zu der Stadt immer noch so innig wie damals, als die Aktion aus der Taufe gehoben wurde?

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Dieter Petram: Diese Stadt ist und bleibt liebenswert, ohne Wenn und Aber. Nicht ganz so liebenswert ist die Art und Weise, wie manche hier in der Stadt und viele von außen über Bremerhaven denken und sprechen. Es geht gar nicht darum, Dinge schön zu reden, sondern vielmehr offen und ehrlich damit umzugehen. Zum Beispiel das Thema Arbeitslosigkeit, das uns ja immer wieder negative Schlagzeilen bringt. In der Arbeitslosenstatistik haben wir eine große Zahl von Menschen, von denen jeder weiß, dass wir sie nicht mehr in Arbeit vermitteln können, unabhängig davon, wie viele Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Wenn man diese Gruppe von vielleicht 5.000 bis 7.000 Personen gedanklich aus der Statistik heraus nimmt, wird man feststellen, dass es in dieser Stadt Vollbeschäftigung gibt und die wirtschaftliche Situation gar nicht so schlecht ist, wie immer wieder dargestellt wird. Wohlgemerkt: Mir geht es nicht darum, dass wir uns nicht mehr um diese Menschen kümmern. Im Gegenteil, das ist ein Teil unserer Verantwortung. Und es ist wichtig, dass die nächste Generation – die Kinder dieser Menschen – nicht denselben schicksalhaften Weg nehmen.

Business & People: Was würde es bewirken, wenn die Statistik anders aussieht?

Dieter Petram: Es ist erklärtes politisches Ziel, dass Bremerhaven bis zu ihrem „200. Geburtstag“ im Jahr 2027 auf 127.000 Einwohner wachsen soll. Das wird aber nur klappen, wenn junge Leute und Familien von außen hierher kommen. Dafür muss die Stadt so attraktiv erscheinen, wie sie wirklich ist. Zudem benötigen wir auf fast allen Feldern qualifizierte Fachkräfte: Handwerker, Facharbeiter, Ingenieure, Lehrer, Ärzte … Arbeitskräfte kommen aber nur, wenn sie wissen: Hier herrscht Vollbeschäftigung. Der Mangel wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Unsere Gesellschaft wird immer älter. Es ist heute schon zu erkennen, wann sich der demografische Wandel konkret auswirken wird. Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, werden wir in wenigen Jahren gewaltige Probleme bekommen. Wir sind ja auch auf anderen Gebieten dabei, unseren Vorsprung und das Besondere an „Made in Germany“ zu verspielen. Denken Sie nur an die Digitalisierung und das Thema Künstliche Intelligenz. In vielen anderen Ländern der Welt, die nicht so entwickelt sind wie Deutschland, können Sie her vorragend mobil im Internet surfen, Daten übertragen und telefonieren. Aber versuchen Sie das mal im Landkreis irgendwo bei Bad Bederkesa. Unser Land hinkt beim Netzausbau weit hinterher. Nun hat die Bundesregierung ja wenigstens reagiert und eine eigene Agentur gegründet, die die Digitalisierung vorantreiben soll. Diese Agentur bekommt gerade einmal 151 Millionen Euro als Etat – für drei Jahre. Andere Länder geben ein Vielfaches aus, da müssen wir nicht einmal auf die USA schauen. So kann man den Vorsprung der Exportnation Deutschland nicht halten.

Business & People: Schauen wir noch einmal auf die Entwicklung in Bremerhaven. Sie engagieren sich ja auch im Wohnungsbau und gehören zu den Initiatoren des Werftquartiers. Was bedeutet es für die Wohnungswirtschaft, wenn die Stadt so wächst, wie es gewünscht ist?

Wenn man an die wachsende Stadt glaubt – und das tue ich –, bedeutet dies automatisch: Wir brauchen Wohnraum. Es wird zwar immer wieder gesagt, es gäbe in Bremerhaven ausreichend Wohnungen. Aber wenn man etwas genauer hinschaut, stimmt das so nicht. Erforderlich sind Wohnungen, die den heutigen Standards entsprechen. Barrierefreiheit, Wärmeschutz, Schallisolierung, moderne Haustechnik, Digitalisierung – all dies sind Faktoren, die zum einen vorgeschrieben sind und zum anderen zu Recht von Mietern oder Käufern erwartet werden. Wir brauchen übrigens nicht nur Wohnungen am Wasser, sondern in allen Lagen in der Stadt, in unterschiedlichen Größen und Standards. Wir wollen schließlich unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, junge Leute, Studenten, Familien. Im Thema Wohnraum liegt übrigens eine ganz große Chance für Bremerhaven. Die Stadt hat ja viel Positives: Die Lage am Wasser, der hohe Freizeitwert, die kurzen Wege, ein breites Spektrum an Kultur und Museen. Wenn wir dann noch schönen Wohnraum anbieten können, ist es für Familien sicherlich leicht, sich für Bremerhaven zu entscheiden. Zumal die Kosten für das Wohnen hier deutlich niedriger sind als in anderen Städten. Natürlich spielt auch das Thema Schulen bei der Entscheidung eine wichtige Rolle. Bildung gehört zu dem Wichtigsten, das man jungen Menschen mit auf den Weg geben kann, und es ist der Garant gegen Armut. Eltern legen großen Wert auf eine gute Bildung für ihre Kinder. Deshalb spielt das Thema ja eine so große Rolle bei der Frage: Ziehe ich in den Landkreis oder ziehe ich nach Bremerhaven.