Handelskammer Bremen fordert Modernisierung der Schulen

Doppelt hält besser: Die duale Ausbildung in Deutschland gilt als vorbildlich, doch müssten die Berufsschulen nach Ansicht der Handelskammer gestärkt werden. Foto: Heumer

Viele europäische Nachbarländer beneiden Deutschland um das duale System der Berufsausbildung. Der Anteil der Berufsschule muss nach Überzeugung der Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven an die Veränderungen in Gesellschaft und Arbeitswelt angepasst werden.

Immer mehr junge Menschen studieren lieber, als dass sie die Basis ihres künftigen Berufslebens durch eine betriebliche Ausbildung legen wollen. Gleichzeitig wachsen die Klagen aus den Unternehmen, dass viele der verbleibenden potenziellen Nachwuchskräfte nur eine mangelnde Ausbildungsfähigkeit mitbringen. Parallel dazu wandeln sich Berufsbilder und Tätigkeiten im Zeitalter der Digitalisierung mit wachsender Geschwindigkeit. Und weil viele Firmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung folgend immer mehr junge Geflüchtete in die Ausbildung aufnehmen, stehen die Berufsschulen vor weiteren neuen Aufgaben – von Themen wie Inklusion ganz abgesehen.

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Der Ruf der Ausbildungsbetriebe nach mehr Nachwuchslehrern für die Berufsschule wird immer drängender.

Positionspapier der Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven

Vor diesem Hintergrund hat die Handelskammer Bremen vor wenigen Wochen ein Papier vorgelegt, das die Zukunftsaufgaben der Berufsbildenden Schulen und den gemeinsamen Handlungsbedarf von Politik und Wirtschaft beschreibt. „Die beiden Kommunen des Landes sollten ihre Schulentwicklungsplanung transparent machen und die Kammern sowie die Schulen in die Fortschreibung einbeziehen“, heißt es in dem Papier.

Großer Handlungsbedarf

Eine einzige Zahl beschreibt stellvertretend, wie groß der Handlungsbedarf in der schulischen Begleitung der betrieblichen Ausbildung ist. Allein in der Stadt Bremen hat sich der Sanierungsbedarf an den Berufsschulen nach Angaben der Kammer auf mittlerweile 675 Millionen Euro summiert. Dieser Betrag bezieht sich nur auf die Gebäudeinstandhaltung – die notwendigen inhaltlichen Verbesserungen sind dabei noch nicht berücksichtigt.

In dem vom Plenum einstimmig verabschiedeten Papier beschreibt die Kammer die wesentlichen Punkte für eine verbesserte inhaltliche Arbeit:

  • Um mit den technischen Innovationszyklen in den Unternehmen mithalten zu können, sollten sich die einzelnen Schulstandorte stärker profilieren und schulträgerübergreifend enger zusammenarbeiten.
  • Damit Schülerinnen und Schüler das marktwirtschaftliche Geschehen besser beurteilen können, ist eine ökonomische Grundbildung durch entsprechend ausgebildete Lehrkräfte und die Einführung des Faches Wirtschaft zu prüfen.
  • Die Berufsschulen müssen einen überproportionalen Anteil der Mittel aus dem Digital-Pakt des Bundes und der Länder bekommen. Nur so können die Schulen die Auszubildenden angemessen auf die aktuellen Anforderungen in den Berufen vorbereiten.
  • Auch das Lernen selbst muss mehr digitale Komponenten enthalten. Mobile digitale Endgeräte müssen beim Lernen im Land Bremen zur Normalität werden, ebenso wie internetgestützte Lernplattformen, Schulclouds und digitale Kommunikationsmittel, die auch für die Ausbildungsbetriebe zugänglich sind.
  • Weil IT-Systeme immer differenzierter und komplexer werden, können sie nicht mehr wie bisher „nebenbei“ durch Lehrkräfte erfolgen. Vielmehr muss der IT-Support den in den Unternehmen üblichen Standards entsprechen.

Sorge bereitet es der Handelskammer auch, dass im dualen Ausbildungsbereich insgesamt immer weniger Lehrer für die Berufsschulen zu gewinnen sind. „Der Ruf der Ausbildungsbetriebe nach mehr Nachwuchslehrern für die Berufsschule wird immer drängender“, heißt es in dem Positionspapier der Kammer. Das Problem bekommt nach Überzeugung der Handelskammer auch deshalb Gewicht, weil die Berufsschulen sich zunehmend mit neuen Aufgaben außerhalb ihres ursprünglichen Aufgabengebietes beschäftigen.

„Begrenzte Ausbildungseignung“

Angesichts der wachsenden Zahl von jungen Menschen mit einer begrenzten Ausbildungseignung benötigen viele Betriebe die Unterstützung durch die Schulen bei der Integration lernschwächerer Auszubildender. Zudem verweist die Kammer auf den wachsenden Bedarf an begleitendem Sprachunterricht in den Schulen, der aus den Ausbildungsangeboten für junge Geflüchtete entsteht. Doch während der Bedarf an Berufsschullehrern ansteigt, geht die Zahl der Nachwuchskräfte offenbar zurück. Die Kammer will sich deswegen daran beteiligen, eine überzeugende Werbestrategie für die Gewinnung neuer Lehrer zu entwickeln. Eine Option könnte es dem Positionspapier zufolge sein, vermehrt Quereinsteiger als Lehrkräfte in den Schulen zu beschäftigen.

Praxisbezogene Arbeit unerlässlich

Weil für viele Betriebe eine praxisbezogene Arbeit der Berufsschullehrer unerlässlich ist, kann sich die Kammer auch ein duales Lehrerstudium vorstellen – zumindest sollten starke Praxisanteile in die Lehrerausbildung integriert werden. Im Land Bremen wird der sich abzeichnende Lehrermangel möglicherweise dadurch verschärft, dass das Nachbarland Niedersachsen Berufsschul-Pädagogen besser entlohnt. Das Land solle deshalb über finanzielle Anreize nachdenken. Und: Attraktive Arbeitsbedingungen zum Beispiel durch eine moderne Schulausstattung könnten die Situation ebenfalls entspannen.