„Die Windbranche ist derzeit in einer Konsolidierungsphase“

Foto: Buchholz/WABAndreas Wellbrock, scheidender Geschäftsführer des Verbands WAB in Bremerhaven || Foto: Buchholz/WAB

Im Interview: Andreas Wellbrock, scheidender Geschäftsführer des Verbands WAB in Bremerhaven

Seit fast drei Jahren ist Andreas Wellbrock, Geschäftsführer des Windbranchen-Verbands WAB. Jetzt will er den Verband zum 31. Mai verlassen. Im Interview mit Christoph Bohn bewertet er die derzeitige schwierige Situation der Offshore-Windkraft und sagt, was getan werden müsste.

Sie verlassen den Windenergieverband in schwierigen Zeiten und wollen sich neuen beruflichen Aufgaben widmen. Verlässt der Kapitän das sinkende Schiff?

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Nein, auf gar keinen Fall! Ich habe mich nie vor schwierigen Aufgaben gedrückt, leicht kann jeder. Es war für mich eine sehr intensive Zeit bei der WAB, und wir haben sehr viel geschafft. Wir haben viele tolle Veranstaltungen organisiert, um die Offshore-Windenergie stärker in die Öffentlichkeit zu rücken. Unsere Windforce Conference haben wir inhaltlich weiterentwickelt und als jährliches Highlight der Branche etabliert. Die WAB ist zukunftsfähig aufgestellt, und ich habe mich nun nach mehr als drei Jahren dazu entschieden, mich neuen Aufgaben zu stellen.

Nachdem nun Senvion Insolvenz angemeldet hat – wie beurteilen Sie die derzeitige Situation der Windbranche in Bremerhaven?

Die Branche ist in einer Konsolidierungsphase, insbesondere seitdem in den vergangenen fünf Jahren das Ausbauziel der Offshore-Windenergie von 25 Gigawatt bis zum Jahr 2030 auf 15 Gigawatt zurückgedreht wurde. Die Industrie hat geliefert, um in Deutschland die Energiewende zu realisieren. Die Bundesregierung hat der Mut verlassen und sie hat keinen Masterplan, um mit einem ganzheitlichen Ansatz und unter Einbeziehung aller Systemkomponenten eine erfolgreiche Umsetzung voranzutreiben. Denn zur Energiewende gehört nicht nur die Produktion von Strom mit Erneuerbaren Energien, sondern auch die CO2-Reduktion in den Sektoren Verkehr, Industrie und Wärme. In diesen Sektoren ist bisher rein gar nichts passiert.

Gegner des geplanten Offshore-Terminals (OTB) sagen bereits, dass der OTB nun nicht mehr gebraucht werde. Was sagen Sie?

Bremerhaven hat sehr früh das Thema Offshore-Windenergie besetzt und hat in der Anfangsphase überproportional davon profitiert und jetzt spürt man diese Konsolidierungsphase entsprechend deutlich. Ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass die Offshore-Windenergie auch in Bremerhaven einen Aufschwung erleben wird. Die Offshore-Windenergie entwickelt sich gerade zu einem globalen Megatrend, das heißt die Erfolgswelle, die in Bremerhaven ausgelöst wurde, wird auch wieder zurück schwappen. Aber dafür müssen jetzt die Weichen richtig gestellt und die Industrie politisch unterstützt werden. Die Sektorenkopplung im Zusammenhang mit „grünem“ Wasserstoff, dem Treibstoff der Zukunft, bekommt immer mehr Relevanz. Hier wären Bremen und Bremerhaven gut beraten, schnell ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Akteure wohlfühlen. Ähnlich hat es Bremerhaven ja auch vor 20 Jahren verstanden, die Pioniere der Offshore-Windenergie nach Bremerhaven zu holen.

Andere Länder wie Dänemark, die Niederlande und Frankreich haben in Sachen Offshore ziemlich Gas gegeben. Ist Deutschland schon abgehängt?


Abgehängt sind wir noch nicht, aber auf dem besten Weg, unsere Technologieführerschaft zu verspielen. Wir können unsere Position in Deutschland nur halten, wenn die Bundesregierung jetzt massiv umsteuert und sehr, sehr kurzfristig die Ausbauziele ambitioniert erhöht, am besten auf 35 Gigawatt bis 2035. Dann würden wir weltweit sofort wieder in den Mittelpunkt des Interesses rücken, bei Projektentwicklern, Industrieunternehmen und den Investoren.

Auch die Chinesen steigen in den Windkraftmarkt ein und produzieren zunehmend günstiger. Steht zu befürchten, dass unsere Anlagen bald aus China angeliefert werden?

Natürlich werden sich irgendwann auch die chinesischen Hersteller um die Märkte weltweit bemühen. Aber bisher haben sie in China selbst so einen riesigen Markt zu bedienen, dass andere Märkte noch nicht im Fokus sind.

Was müsste in Deutschland geschehen, um die Lage der Windbranche zu verbessern?

Wir benötigen einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, die Energiewende als generationsübergreifenden Transformationsprozess erfolgreich zu gestalten. Dabei müssen Infrastrukturen, wie die Netze, um- und ausgebaut werden. Wir benötigen Standorte für die Windenergie an Land. Anstatt zu problematisieren, sind Lösungen gefordert. All das muss die Politik organisieren, insbesondere unsere Bundesregierung. Es gilt, unser Land fit zu machen für die Zukunft und für die kommenden Generationen.

Wenn Sie Ende Mai den Verband verlassen, was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Einfach: Nicht locker lassen. Inzwischen gehen auch die jungen Menschen auf die Straße, um für ihre Zukunft zu streiten, und das ist gut so! Auch den Verbänden kommt eine wichtige Rolle zu, um den gesamtgesellschaftlichen Konsens zu organisieren. Beim Thema Akzeptanz müssen die Verbände viel stärker den Informationsaustausch zwischen Industrie, Politik und Öffentlichkeit nutzen und haben noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.