Ausverkauf oder Digitalisierung

Dipl. Ing. Jürgen Enkelmann

Von Dipl.-Ing. Jürgen Enkelmann, Ge­schäftsführer der Wirt­schafts­för­der­gesellschaft mbH für Stadt und Landkreis Lüneburg

Anfang Mai sickerte die Nachricht durch, dass der Bosch-Konzern seinen Geschäftsbereich Starter und Generatoren nach China verkauft. Der außerordentliche Ertrag soll in die Neuausrichtung des bis dato größten Autozulieferers in einer digitalen Welt investiert werden. So sind allein 300 Millionen Euro für den Bereich „Künstliche Intelligenz“ vorgesehen. Die Transaktion ist dennoch erstaunlich, denn die Sparte erzielt aktuell Gewinne, und zum Portfolio gehören auch moderne Produkte mit Wachstumspotenzial wie zum Beispiel Start-Stop-Systeme, die beim Spritsparen helfen. Sie steht auch im Kontrast zu den Mitte vergangenen Jahres vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW), Mannheim, erarbeiteten Empfehlungen. In seiner Studie beschäftigt sich das ZEW zwar mit dem Mittelstand, aber die Kernaussage, dass die Chancen der Digitalisierung gerade in der digitalen Vernetzung von Produktion und Dienstleistungen liegen, dürfte auch für Unternehmen erarbeiteten Größenklassen gelten.


Unabhängig davon zeigen die Studienergebnisse ein beeindruckendes Engagement des Mittelstandes beim Thema Digitalisierung auf. So haben mehr als vier Fünftel der mittelständischen Unternehmen in den Jahren 2013 bis 2015 Digitalisierungsprojekte durchgeführt. Die meisten Unternehmen bauen ihre Digitalisierungskompetenz aus, gehen das Thema jedoch überwiegend in kleinen Schritten an. Knapp die Hälfte (46 Prozent) der Mittelständler gibt hierfür weniger als 10 000 Euro pro Jahr aus. Nur bei zwölf Prozent der Unternehmen liegen die Investitionen bei mehr als 40 000 Euro pro Jahr. Hochgerechnet auf den gesamten deutschen Mittelstand entspricht dies jährlichen Ausgaben von etwa zehn Milliarden Euro. Eine knappe Mehrheit der Unternehmen beabsichtigt derzeit nicht, die Ausgaben für Digitalisierungsprojekte in den nächsten drei Jahren zu steigern. Diese Ergebnisse legen nahe, so das Fazit der Studie, dass sich die Mehrheit des deutschen Mittelstandes bisher nicht auf den Weg einer digitalen Transformation begeben hat. Die Gründe hierfür sind bekannt. Sie unterscheiden sich nicht von denen anderer Innovationen. Digitalisierungsprojekte weisen einen hohen Anteil an Personalkosten und Vorleistungen auf. Die materiellen Investitionen sind dagegen vergleichsweise gering. Die entstehenden unternehmensspezifischen Anwendungen erschweren eine Evaluierung und Verwertung durch Dritte.

Förderangebot „Produktion+“

Im Rahmen der Innovationsförderung reagieren wir in der Region Lüneburg mit unserem Förderangebot „Produktion+“ auf diese Situation und stellen in einer frühen Planungsphase finanzielle Mittel für unternehmensinterne Projekte bereit. Eine daran anschließende Innovationsförderung wird hierdurch erleichtert. Denn der Nutzen von Digitalisierungsprojekten muss den damit verbundenen Kosten frühzeitig gegenübergestellt werden. Wenn das gelingt, dann sind Risiken auch überschaubar, und die Projektkosten können häufig aus einem gutgehenden, etablierten Geschäft querfinanziert werden. Wenn dann noch kleinere Digitalisierungsprojekte in eine übergreifende Digitalisierungsstrategie eingebettet werden, dann ist der Mittelstand möglicherweise besser auf die Zukunft vorbereitet als manches Großunternehmen.

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