„Einer der stärksten Orte dieser Stadt“

Foto: Channel-Foto

Hamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing über den Harburger Binnenhafen als „Antithese zur Hafen-City“

Sie sind unterschiedlich groß, haben ein unterschiedliches Flair und liegen auch noch auf unterschiedlichen Elbseiten: Der Harburger Binnenhafen im Süden der Hansestadt und die zentral gelegene Hamburger Hafen-City werden dennoch häufig in einem Atemzug genannt, und nicht selten bekommt der „Channel Hamburg“ den Beinamen „die kleine Hafen-City“. Der Vergleich beider Quartiere liegt auf der Hand, aber selbst Hamburgs Obernbaudirektor Franz-Josef Höing stellt infrage, ob sich der Binnenhafen mit der Hafen-City messen kann: „Muss er das überhaupt?“ Höing sieht im Binnenhafen „einen der stärksten Orte dieser Stadt“. Er spricht sogar von der „Antithese zur Hafen-City“.

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Höing hatte soeben eine Jurysitzung zur Gestaltung eines 16-stöckigen Wohnhauses am Östlichen Bahnhofskanal im Neubauquartier Neuländer Quarree hinter sich gebracht, als er die Chance nutzte, seine Begeisterung für den Harburger Channel mit den Teilnehmern der „Begleitgruppe Binnenhafen“ im Rahmen der 50. Sitzung dieses Gremiums zu teilen. Eine Leichtigkeit, denn in Werner Pfeifers Fischhalle waren Menschen versammelt, die sich teilweise seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten mit der Quartiersentwicklung auseinandersetzen.

Freiheitliches Herantasten

Der Oberbaudirektor sieht den Erfolg des Channels offenbar darin begründet, dass es zwar einen Entwicklungsplan für den Binnenhafen gegeben habe, nie aber eine zwingende Vorgabe für die Architektur: „Für die Investoren war das ein einziges freiheitliches Herantasten und Ausprobieren im besten Sinne“, sagt Höing. Entstanden sei ein „sehr ungewöhnliches Stadtquartier“. Ihn begeistert insbesondere die Verknüpfung von historischen Gebäuden der Harburger Hafen- und Industriegeschichte mit modernen, zeitgemäßen Wohn- und Bürogebäuden.

Höing bestätigt damit die Strategie von Arne Weber, Investor, Bauunternehmer und Channel-Begründer, der frühzeitig erkannte, dass Abriss nicht immer die beste Lösung ist, vor allem dann nicht, wenn ein Ort mit Atmosphäre entstehen soll. Weber ist es zu verdanken, dass aus Ruinen und faden Speichern Schmuckstücke wurden. Der Erhalt der alten, teils denkmalgeschützten Bausubstanz ist für Investoren zwar nicht per se eine lustvolle Aufgabe, aber im Ergebnis ist mit dem Channel ein Quartier entstanden, dass Geschichte atmet – während die ungleich größere Hafen-City ihre Geschichte erst noch ausbilden muss. Hier dominieren zweifellos eindrucksvolle, aber eben durchgängig neue und größer dimensionierte Gebäude.

Aus der Logik eines Hafens

Die Spannung von Alt und Neu teilweise Wand an Wand ist aus Sicht des Oberbaudirektors, also des obersten architektonischen Stadtdesigners, ein Grund für Architekturbegeisterte, sich auf den Weg in den Binnenhafen zu machen. Der moderne „Goldfisch“ neben dem historischen Kaufhausspeicher und alten Industriellen-Villen an der Blohmstraße, die schwarzen Neubauten (Wohnen am Kaufhauskanal) an der Harburger Schloßstraße als Widerpart zum 1565 errichteten Bornemannschen Haus oder auch die weiterentwickelte Silo-Substanz am Schellerdamm – „das ist wie ein architektonischer Streichelzoo, aber im besten Sinne“, sagt Höing.

Höing weiter: „Wenn wir experimentieren wollen, dann im Binnenhafen. Wo denn sonst?“ Es sei bemerkenswert, dass sich kein architektonischer Firlefanz gebildet habe. „Es hat sich alles aus der Logik eines Hafens entwickelt. Aus den Dingen, die da waren.“ Die Vielfältigkeit sei eine besondere Qualität, und das werde auch nördlich der Elbe durchaus wahrgenommen. An kaum einer Stelle in der Stadt gebe es eine solche Gestaltungsfreiheit. Die jetzt allerdings an ihre Grenzen stößt, denn der Binnenhafen ist mittlerweile stark gewachsen – nicht in der realen Ausdehnung, wohl aber in der Bruttogeschossfläche. Heinrich Wilke, geschäftsführender Gesellschafter des Projektentwicklers Imentas, sieht allerdings auch Verbesserungsbedarf im Channel: „Das Quartier führt ein eher introvertiertes Dasein. Wer sich hier im Süden der Stadt nicht auskennt, findet es eigentlich gar nicht.“ Vor allem der Weg vom Harburger Bahnhof in den Binnenhafen müsse attraktiver werden. Will heißen: Das gern geäußerte Bekenntnis der Hansestadt zur „kleinen Hafen-City“ darf gern dazu führen, das Quartier in der Gesamtwahrnehmung noch stärker in den Fokus zu rücken. ein/wb

Web: www.channel-hamburg.de