„Die Lieferketten sind extrem gestört“

Andrea Heinsohn PhotographySven Heinsohn ist einer der Gründer und Geschäftsführer des Fruchtimporteurs Global Fruit Point GmbH in Buxtehude. Von Erzeugern aus der ganzen Welt bezieht er frisches Obst wie Tafeltrauben, Steinobst, Zitrusfrüchte, Bananen, Beeren, Kernobst, Mangos und Avocados für Kunden aus dem deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Foto: Andrea Heinsohn Photography

Sven Heinsohn über den globalen Handel in Zeiten der Pandemie

Globale Probleme verlangen nach globalen Lösungen, doch der Blick auf die momentane Corona-Pandemie zeigt: Nicht einmal im eigenen Land wird solidarisch an einem Strang gezogen, wie soll das denn erst weltweit funktionieren? Während in China schon wieder das normale Leben Einzug hält und in den USA offenbar jeder geimpft wird, der nicht bei Drei auf dem Baum sitzt, versinkt die Europäische Union im Impfdesaster. In Deutschland stellt sich der wahlkampfgetriebene Föderalismus selbst ein Bein, und der Steuerzahler fragt sich, wie lange es unter dem derzeitigen politischen Geruckel eigentlich noch gut gehen soll. Viele Fragen stellen sich auch Unternehmer und Selbstständige – und zwar nicht nur „stillgelegte“ Hoteliers und Gastronomen, sondern auch Akteure wie der Buxtehuder Fruchthändler Sven Heinsohn, der mit seinem Unternehmen Global Fruit Point für volle Regale im Lebensmitteleinzelhandel sorgen soll, dazu aber auf eine funktionierende globale Logistik angewiesen ist. Er beantwortete die Fragen von B&P-Redakteur Wolfgang Becker.

Es scheint, als stoße das Konzept der Globalisierung in Krisenzeiten unübersehbar und zeitlich unkalkulierbar an seine Grenzen. Wie stellt sich die Situation für ein Unternehmen dar, das seine Ware von Lieferanten aus aller Welt bezieht?

Die Lieferketten sind extrem gestört, weil die logistischen Lieferwege nicht mehr funktionieren. Das ganze fein abgestimmte System ist aus dem Rhythmus, was nicht nur dazu führt, dass die Fahrpläne auf den Frachtrouten von Übersee durcheinander sind, sondern auch dazu, dass die Container nicht dort stehen, wo sie gebraucht werden.

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Wo stehen die denn?

Zurzeit stehen in Neuseeland, Australien sowie in Nordamerika viel zu viele Con­tainer, in Südostasien, Südafrika und Indien dagegen viel zu wenig. In der Folge steigen die Preise überall dort, wo zu wenig Kapazität vorhanden ist.

Wie wirkt sich das speziell auf den Fruchthandel aus, der ja zudem noch auf Kühlcontainer angewiesen ist?

Wir haben teilweise eine komplette Unterversorgung. Nicht nur Corona spielt dabei eine Rolle, es kommen auch noch Wetterphänomene hinzu. Dadurch verzögern sich die Abfahrten der Schiffe. Und wir haben teilweise sogar schon klassische Kühlschiffe eingesetzt, um dem Containermangel zu begegnen.

Ist es schon vorgekommen, dass Sie Ihre Kunden im Lebensmitteleinzelhandel nicht beliefern konnten?

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Bislang sind wir unseren Verpflichtungen immer nachgekommen, aber nur, weil vielfach umgesteuert wurde. Wenn A beispielsweise mangels Transportmöglichkeit nicht verschiffen kann, dann müssen wir eben bei B ordern.

Was wird aus der Ware, wenn sie in Südafrika geordert haben, aber das Schiff nicht rechtzeitig abfährt? Und wer hat am Ende den Schaden – der Importeur oder der Erzeuger?

Wenn wir unsere Kunden nicht beliefern können, haben wir den Schaden. Was den Erzeuger angeht: In unserer Branche gibt es einen Leitspruch. Der lautet: „Es wird immer im Sinne der Ware gehandelt!“ Ich bin als Importeur darauf angewiesen, dass die bestellte Ware rechtzeitig und frisch in Rotterdam oder Hamburg angeliefert wird. Wenn das durch das Versagen der Logistikkette nicht gewährleistet ist, muss ich meine Ware woanders bestellen. Und mein Erzeuger muss seine Ware woanders verkaufen. Niemand würde einen Container voller Tafeltrauben entsorgen. Diese Ware ernährt uns alle. Deshalb gibt es auch immer eine Lösung. Wenn ich als Exporteur in der Bredouille bin, finde ich einen anderen Weg. In der Folge landet dann Ware aus Südafrika eben im Mittleren Osten, in Nordamerika oder Asien statt in Europa.

Zeit ist in Ihrem Geschäft ein entscheidender Faktor, denn frische Lebensmittel sind verderblich und können nicht beliebig zwischengelagert werden – es muss also immer ein Abnehmer her. Gibt es weltweite Fruchtbörsen? Oder wie wird der Exporteur seine Trauben los . . .

Die Erzeuger leben von ihren weltweiten Netzwerken. Dabei ist der Produzent aus Chile oder Südafrika gegenüber seinen deutschen Kollegen deutlich im Vorteil, denn er nimmt am Weltmarkt teil. Diese Erzeugerländer haben vielfältige Handelsabkommen. Für den deutschen Apfel gibt es das übrigens nicht. Den finde ich in der EU, aber nicht genügend in Asien, Afrika, Nord- oder Südamerika.

Das heißt für Global Fruit Point: Sie müssen in ständigem Kontakt mit den Erzeugern stehen und rechtzeitig absprechen, ob die Ware fristgemäß geliefert werden kann?

Ja. Für die Lieferanten gilt: Die Welt ist groß genug. Niemand ist gezwungen, die Ware zu kleinsten Preisen in einen gesättigten Markt zu drücken. Und die Märkte verändern sich. Zum Beispiel China: Früher wurde Ware aus China sehr günstig in die ganze Welt transportiert. Doch mit dem steigenden Wohlstand – China hat schon wieder ein Wirtschaftswachstum von sechs bis acht Prozent – hat sich seit Jahren der nationale Markt stark entwickelt. Wenn die Lieferketten nicht funktionieren, wird die Ware eben zu guten Preisen an die eigene Bevölkerung verkauft.

Corona hat nicht nur die Logistik durcheinandergebracht, das Virus verhindert auch die persönlichen Überseekontakte immens. Was bedeutet das konkret für Sie?

Das ist ein großes Problem, denn die persönlichen Kontakte sind weitaus wichtiger als wir glauben. Keine Videokonferenz kann das ersetzen. Ich spüre in den Gesprächen mit Lieferanten, dass der Kontakt stärker wiederbelebt werden muss. Wir sitzen jetzt seit einem Jahr zu Hause. Es ist aber zurzeit nicht daran zu denken, nach Chile, Peru oder Argentinien zu reisen. Da komme ich nirgends rein. Ich will jetzt versuchen, dass ich wenigstens mal nach Südafrika fliegen kann.

Und die Situation im Büro?

Von den 22 Mitarbeitern sind durchweg nur sechs da – alle anderen arbeiten im Home­office. Manchen Kollegen habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen. Wir nehmen Corona sehr ernst, da wir als Unternehmer eine große Verantwortung für unsere Mitarbeiter und deren Familien haben. Also haben wir die Sicherheitsbedingungen nochmals verschärft. Wir hoffen auf zeitnahe Impfungen. Zurzeit halten wir das Geschäft nur am Laufen.

Worauf stellen Sie sich in diesem Jahr ein?

Wir planen, ab Oktober dieses Jahres wieder zu reisen. Es weiß ja niemand, wie sich die Pandemie weltweit weiterentwickelt, also haben wir jetzt einfach mal einen Plan gemacht, den wir als realistisch einschätzen.

>> Web: www.frupo.de